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Regulation an der Fußsohle – Kleine Fläche, große Wirkung

Der menschliche Fuß hat 26 Knochen, eine Vielzahl an Gelenken, über 100 Muskeln und Bänder, Sehnen und Faszien, besitzt verschiedene Schnittstellen zum Nervensystem und ist von einer Haut umschlossen, die mit Rezeptoren und Sensoren besetzt ist.

Regulation an der Fußsohle – Kleine Fläche, große Wirkung
© vladimirfloyd/fotolia

Die Füße sind ein wichtiges sensomotorisches Organ, sind sie doch beim Stehen, Gehen und Laufen die Stellen, von denen die Steuerung der ganzen Bewegung von unten nach oben (und wieder zurück) ausgeht. Heutzutage nutzen wir unsere Füße aber nicht mehr so, wie es uns die Evolution ermöglichte. Wir legen nicht annähernd die Strecken zurück wie Buschmänner in der Steppe vor Hunderttausenden von Jahren, bewegen uns überwiegend auf ebenem Parkett, Asphalt und Beton und das auch noch in Schuhen. Dadurch wird die Fußmuskulatur zu wenig stimuliert, was auf Dauer zu Problemen und Beschwerden führen kann. Davon sind nicht nur die unteren Extremitäten betroffen (z. B. Fersensporn, Schienbeinkantensyndrom oder Kniebeschwerden); über die Gelenke, die Muskeln und das Bindegewebe können Fehlstellungen von ganz unten bis zum Kiefergelenk Auswirkungen haben.

Physiologie bestimmt Einlagentyp

Liegt die Ursache für Beschwerden des muskuloskelettalen Systems in einem veränderten, eventuell sogar pathologischen Gangbild, kann mithilfe von Einlagen auf die Statik des gesamten Körpers eingewirkt werden. Das weiß Prof. Dr. Frank Mayer, Ärztlicher Direktor der Hochschulambulanz der Universität Potsdam, der sich mit seinem Team über 15 Jahre lang mit Forschung an Schuhen und Einlagen beschäftigt hat: »Zuerst muss die Physiologie und Pathophysiologie der Beschwerden verstanden sein. Im nächsten Schritt ist entscheidend, zu klären, was erreicht werden soll. Die Ziele können sich deutlich unterscheiden, je nachdem, ob es sich um einen Leistungssportler, einen Patienten, Kinder, Jugendliche oder ältere Menschen handelt.

Ist das Ziel definiert, überlegen wir, mit welchen Mitteln es am besten erreicht werden kann. Daher stellt sich die in weiten Bereichen und auch bei den Kostenträgern obligatorische und ideologische Frage nach einer besseren Versorgung durch mechanische oder sensomotorische Einlagen gar nicht.« Egal, welcher Einlagentyp verwendet wird, es gibt mechanische Effekte durch die verbauten Elemente, an die sich der Fuß erst gewöhnen muss, sowie sensomotorische Effekte – nur die Gewichtung ist verschieden.

Studien schwer durchführbar

Die Kostenträger und auch viele Ärzte sind von der Wirksamkeit sensomotorischer Einlagen noch nicht überzeugt. Denn während es für mechanische Einlagen Untersuchungen gibt, die beabsichtige Veränderungen für bestimmte Fehlstellungen belegen können, sucht man diese für die sensomotorische Variante fast vergebens. »Studien, die die Spezifizität der Einlagen und damit die klinische Evidenz eindeutig nachweisen können, sind sehr schwierig durchzuführen, denn es geht bei sensomotorischen Einlagen um Regulationsmechanismen und nicht um mechanische Korrektur wie bei klassischen Einlagen.

Bild Frank Mayer
Prof. Dr. med. Frank Mayer, Ärztlicher Direktor Sportmedizin, Universität Potsdam; Mitglied des Wissenschaftsrates der DGSP e.V. © Mayer

Das liegt einerseits daran, dass die inter­individuelle Variabilität sehr hoch ist. Andererseits ist eine Verblindung nicht möglich bzw. hat auch eine Einlage mit ‚falschen‘ Elementen eine sensomotorische Wirkung. Zuletzt bräuchte man vergleichbare Fälle und damit sehr große Fallzahlen«, erklärt Prof. Mayer. »Es gibt Laborstudien, die eine Wirkung gut belegen. Zudem lässt sich eine Veränderung sofort feststellen; das ist die Grundlage der Sensomotorik«, fährt er fort. Beispielsweise wurde gezeigt, dass durch eine Längsgewölbestütze die muskuläre Aktivität des Musculus peroneus longus zielgerichtet beeinflusst werden kann (1, 2).

50 Prozent Einlage – 50 Prozent Training

Im Gegensatz zur mechanischen Wirkung von Einlagen, bei der die Fußposition vorwiegend (nicht ausschließlich) passiv verändert wird, soll bei der sensomotorischen Wirkung vor allem über die eigene Muskulatur auf den Regelkreis zwischen Rezeptoren an der Fußsohle, der Muskulatur und dem zentralen Nervensystem (ZNS) Einfluss genommen werden.

Andreas Kraus, Orthopädieschuhtechniker, Lauftrainer und Videobewegungsanalyst aus Ulm, erklärt die vermutete Wirkung folgendermaßen: »Möchte man den Muskeltonus eines stabilisierenden Muskels steigern, z. B. den M. tib. post. beim Knickfuß, so bringt man durch Pelotten Ansatz und Ursprung dieses Muskels näher zusammen. Dadurch entsteht vor der Bewegung ein niedrigerer Tonus. Das ZNS wird als Reaktion nun eine Tonuserhöhung des stabilisierenden Muskels anordnen. Im umgekehrten Fall, z. B. bei Plantarfasziitis, bringt man die Muskulatur in eine Vorspannung. Als Resultat fordert das ZNS nun eine Verringerung des Muskeltonus. Die Philosophie der Sensomotorik gibt vor, dass nicht über die ganze Fußfläche korrigiert wird, sondern nur Impulse in kleinen Bereichen gesetzt werden, um den restlichen Strukturen im Fuß maximale Freiheit zu erhalten.« Doch, darauf legt Kraus großen Wert, eine Einlage allein reicht nicht aus. »Die Einlage ist die eine Hälfte, die andere Hälfte ist das Training der Fußmuskulatur, beispielsweise mit einem Balance Pad oder anderen Übungen, die die Stabilisatoren kräftigen und deren Zusammenspiel verbessern«, erklärt er.

Bild Andreas Kraus
Andreas Kraus, Orthopädieschuh­techniker und Video­bewegungsanalyst, Ulm © Kraus