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Krank trotz schlank? Wann die inneren Werte mehr aussagen als die Waage

Der 13. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (1) hat kürzlich aktuelle Zahlen zum Übergewicht in Deutschland veröffentlicht. Im Durchschnitt sind 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen im erwerbstätigen Alter übergewichtig.

Krank trotz  schlank? Wann die inneren Werte mehr  aussagen als die Waage
© Africa Studio / fotolia

Mit steigendem Alter werden die Zahlen noch extremer: Am Ende ihres Berufslebens bringen 74,2 Prozent der Männer und 56,3 Prozent der Frauen zu viel Gewicht auf die Waage. Eine inzwischen unüberschaubare Anzahl an Studien hat gezeigt, dass Übergewicht und Adipositas mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Schlaganfall ein­hergehen. Selbst das so genannte Adipositas-Paradox, das besagte, dass übergewichtige Menschen mit chronischen Erkrankungen länger überleben würden, wurde widerlegt (5).

Im Umkehrschluss wurde und wird daher gerne gefolgert, dass Schlanksein gleichzusetzen wäre mit Gesundsein. Doch belastbare Daten zeigen, dass etwa jeder fünfte Schlanke ebenfalls ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes und Schlaganfall hat. Besonders spannend daran ist, dass das Risiko nicht nur ein bisschen, sondern mit 115 Prozent gegenüber metabolisch gesunden Schlanken massiv erhöht ist (7). Schlechter dran sind nur noch adipöse Menschen mit Stoffwechselstörungen (150 Prozent Risikoerhöhung); deutlich besser schneiden stoffwechselgesunde Dicke ab (25 Prozent Risikoerhöhung).

Durch welches Raster fallen schlanke Menschen?

Da auch ein relativ hoher Prozentsatz schlanker Menschen offenbar davon bedroht ist, Krankheiten zu bekommen, die eigentlich für Dicke »reserviert« scheinen, stellt sich die Frage, durch welches Raster diese Personen bislang gefallen sind. »Wer schlank ist, ist sich meist nicht bewusst, dass ein erhöhtes Risiko vorliegen könnte«, erklärt Prof. Dr. Marion Flechtner-Mors von der Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm. Möglicherweise gehen Normalgewichtige seltener zum Arzt und werden umgekehrt vom Arzt auch erstmal als »gesund« eingestuft.

Ähnliches beobachtet zumindest Prof. Dr. Norbert Stefan vom Lehrstuhl für klinisch-experimentelle Diabetologie an der Universität Tübingen. Er gibt zu bedenken: »Bei erhöhten für die Stoffwechselgesundheit relevanten Parametern bei schlanken Personen wird häufiger ein Auge zugedrückt und abgewartet, während Übergewichtige frühzeitig über die damit assoziierten Risiken aufgeklärt werden.«

Die Parameter, die hierbei die entscheidende Rolle spielen, sind erhöhte Blutzuckerwerte, Triglyzeride und Blutdruck sowie erniedrigtes HDL-Cholesterin. Schon ab dem zweiten von der Norm abweichenden Wert besteht ein deutlicher Hinweis auf ein metabolisches Problem und das Risiko für die genannten Erkrankungen ist deutlich erhöht. An dieser Stelle ergibt sich ein Unterschied zur Definition des metabolischen Syndroms, das erst ab drei abweichenden Parametern als manifest gilt. Prof. Stefan legt Wert darauf, dass die härtere Definition ab dem zweiten Faktor nicht dazu dient, gesunde Menschen als »krank« abzustempeln, sondern weil die Daten (8) deutlich gezeigt haben, dass betroffene Personen ein dreimal höheres Mortalitätsrisiko haben als metabolisch gesunde Schlanke.
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Bild Marion Flechtner-Mors
Prof. Dr. Marion Flechtner-Mors, Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm © Flechtner-Mors M.