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Fortsetzung Krank trotz schlank? Wann die inneren Werte mehr aussagen als die Waage

Spannend ist nun die Frage, wo der Unterschied zwischen »schlank und gesund« versus »schlank und krank« liegt. Detaillierte Untersuchungen und Messungen des Körperfettes, der Fettverteilung im Körper und des Fettanteils in der Leber mittels MRT ergaben, dass Betroffene genetisch bedingt nur wenig Fett an Hüfte, Po und Beinen speichern können. Auch ein starker Zusammenhang mit beeinträchtigter Insulinsensitivität und -sekretion konnte bei Personen mit wenig Unterhautfettgewebe festgestellt werden. Im Tiermodell ist die schützende Wirkung von Unterhaut­fettgewebe schon eine Weile bekannt (6). Wurde Mäusen, die eine Zeitlang überfüttert wurden, das Unterhautfettgewebe operativ entfernt, stiegen die Blutfette an und sie entwickelten Typ-2-Diabetes. Wurde das Unterhautfett zurück­transplantiert, besserte sich der Zustand (3, 4).

Auch beim Menschen konnte die unterschiedliche Wirkweise verschiedener Fettgewebe gezeigt werden. Patienten wurde Unterhautfettgewebe am Bein und am Bauch sowie viszerales Fettgewebe entnommen und in Kultur verglichen. Geprüft wurde, welche Zellen gespeicherte Fettsäuren in welchem Umfang und Zeitraum wieder an die Umgebung abgaben. Am schnellsten setzte das viszerale Fett die Fettsäuren frei, als bester Speicher erwies sich das Unterhautfettgewebe an den Beinen. Offenbar verfügt Unterhautfettgewebe, v. a. das der unteren Körperhälfte, über die besondere Fähigkeit, Energie dauerhaft zu speichern und nur in Hungerperioden wieder freizugeben. Dadurch wird das Blut weitgehend von Fettsäuren geklärt, was die inflammatorische Wirkung freier Fettsäuren minimiert und den schützenden Effekt erklärt. Fehlt diese Speichermöglichkeit, werden Fettsäuren kurzfristig im viszeralen Fettgewebe gespeichert, nach einigen Stunden aber wieder ins Blut abgegeben, wo sie die bekannten ungünstigen Wirkungen auf Gefäße und Gewebe entfalten.

Dreigespann aus Genetik, Alter und Fehlernährung

Die Fettverteilung im Körper ist zum einen sehr stark genetisch determiniert (2). Der zweite einwirkende Aspekt ist das Alter. »Personen mit einem gesunden Lebensstil, einem BMI im Normalbereich, aber einer ungünstigen Körperfettverteilung rutschen mit steigendem Alter automatisch immer weiter in Richtung metabolischer Störung. Dagegen kann man nichts machen, außer noch gesünder zu leben«, erklärt Prof. Stefan. Weiter verschärft wird die Lage durch Fehlernährung oder einem zu geringen Umfang an körperlicher Aktivität (u. a. auch bedingt durch Sportverletzungen, Krankheiten oder Unfälle). Dieser Verlauf trifft Männer und Frauen gleichermaßen. Die Hormonumstellung der Menopause bewirkt bei Frauen zusätzlich den Verlust von Fettpolstern an den Beinen und könnte bei entsprechender genetischer Disposition ebenso die Waage in Richtung metabolischer Störung zum Kippen bringen.

Bild Norbert Stefan
Prof. Dr. Norbert Stefan, Lehrstuhl für klinisch-experimentelle Diabe­tologie an der Universität Tübingen © Stefan N.