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(Übergewichts-)Prävention in Deutschland

Übergewicht in Kombination mit körperlicher Inaktivität ist weltweit eine der größten Herausforderungen für die Gesellschaft und deren Gesundheitssysteme.

(Übergewichts-)Prävention in Deutschland
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Aktuelle Situation

Aktuell sind in Deutschland 67% der Männer und 53% der Frauen übergewichtig – davon sind 23% bzw. 24% der Männer und Frauen adipös (22). Wie in fast allen Industrienationen ist die Prävalenz von kindlichem Übergewicht und Adipositas in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen (23). Auch wenn neuerdings teilweise ein Plateau postuliert wird (28), ist der hohe Anteil Übergewichtiger als problematisch anzusehen, denn Übergewicht und Adipositas zu behandeln oder sogar zu reversieren, ist kaum erfolgreich (20). In Deutschland sind derzeit ca. 15% der drei- bis 17-Jährigen übergewichtig und 6% adipös (16), was bedeutet, dass diese Kinder ein erhöhtes Risiko für Insulinresistenz, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, das metabolische Syndrom (25) sowie orthopädische (2) und psychische Probleme haben (6), die sich bis in das Erwachsenenalter strecken können und dadurch zu erhöhter Morbidität sowie vorzeitiger Mortalität führen können.

Als Hauptgrund für die zunehmende Inzidenz von kindlichem Übergewicht und Adipositas wird häufig ein veränderter Lebensstil genannt. Neben einer Veränderung der baulichen Umgebung, den sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen, ist insbesondere das Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen ist von einem deutlichen Rückgang an (Alltags-)Bewegung, einem erhöhtem Medienkonsum und einer Zunahme an hochkalorischer Ernährung geprägt.

In Deutschland ist etwa ein Viertel der Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter nicht regelmäßig und jedes achte Kind nie sportlich aktiv (18), etwa die Hälfte der Kinder erreicht die als gesundheitsförderlich geltenden 60 Minuten an moderater bis intensiver Bewegung täglich (12). Bei den 11- bis 17-jährigen erreichen das nur noch ein Viertel der Jungen und ein Sechstel der Mädchen (18). Für Kinder und Jugendliche jedoch ist Bewegung eine unerlässliche Voraussetzung für ein gesundes Heranwachsen. Neben positiven Effekten auf die körperliche und motorische Entwicklung ist Bewegung v.a. für die Übergewichtsprävention essentiell.

Bild Susanne Kobel
Dr. biol.hum. Susanne Kobel Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin, Universität Ulm © Kobel

Universelle Primärprävention

Aufgrund der hohen Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, sowie des fehlenden Nachweises einer erfolgreichen Adipositastherapie ist eine Primärprävention vor der Entstehung des Übergewichts von hoher Priorität um nicht nur Krankheitslast sondern auch die damit verbundenen Kosten für das Gesundheitssystem zu reduzieren. Zwar werden zahlreiche Präventionsprogramme bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt, jedoch sind nur die wenigsten wissenschaftlich evaluiert bzw. können nachhaltige Erfolge vorweisen. Des Weiteren ist die Laufzeit der meisten Programme zu gering um gesundheitsförderliche Verhaltensveränderung erzielen zu können. Erfolgreiche Übergewichtsprävention muss längerfristig sein (32), um überhaupt eine Wirkung bezüglich Übergewicht und Adipositas (32), Ernährungsverhalten oder körperlicher Aktivität zeigen zu können.

Deshalb ist es – wie von der WHO (34) gefordert – dringend notwendig eine flächendeckende universelle Primärprävention von Übergewicht und Adipositas früh im Kindesalter zu fördern, zu unterstützen und zu etablieren. Nur so kann der heutigen, meist nicht gesundheitsförderlichen Lebensweise (Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung) entgegengewirkt werden. Eine umfassende, früh im Kindesalter beginnende Gesundheitsförderung bzw. Prävention kann nicht nur Übergewicht und Adipositas und deren Begleit- und Folgeerkrankungen reduzieren, sondern auch Schutzfaktoren für weitere Krankheiten bereitstellen. So sind z.B. eine ausreichende Bewegung und eine gesunde, ausgewogene, obst- und gemüselastige Ernährung Schutzfaktoren für z. B. Demenz (19) und einige Krebserkrankungen (24).

Ein medizinisches, gesellschaftliches und politisches Ziel muss daher sein, eine salutogenetisch-orientierte präventive Herangehensweise, also wie kann Gesundheit entstehen und beibehalten werden, in der breiten Bevölkerung von jungen Jahren auf und im Hinblick auf eine Entlastung des Gesundheitssystems, zu fördern und zu unterstützen. Gesundheit darf nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit, sondern vielmehr als eine Förderung von Lebensqualität und Wohlbefinden angesehen werden. Dieser grundlegende Präventionsgedanke ist als gesundheitspolitische Reaktion auf den demografischen Wandel und die damit steigende Zahl älterer Menschen zu sehen. Die Anzahl versorgungsbedürftiger und chronisch kranker Menschen muss vorbeugend eingedämmt werden, um die finanziellen Ressourcen des Gesundheitssystems zu schonen.

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Dr. biol.hum. Olivia Wartha, Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin, Universität Ulm © Wartha