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Fortsetzung Schmerzen im Leistungssport: Biopsychosoziale Behandlungskonzepte

»Schmerzen verstehen« als edukativer Ansatz

Eine gute Basis für alle an der Betreuung von Athleten Beteiligten ist das wissenschaftlich fundierte Konzept »Explain Pain« des amerikanischen Physiotherapeuten Lorimer Mosley. Es vermittelt ein grundlegendes Verständnis für sämtliche an der Schmerzperzeption beteiligten neurophysiologischen Mechanismen. Der Patient lernt, dass Schmerz und Nozizeption nicht identisch sind – Schmerz kann also z. B. auch bestehen, wenn kein Gewebeschaden vorliegt. Im Rahmen einer interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie hat diese Aufklärung neben medikamentöser Analgesie einen hohen Stellenwert, weil Patienten sich danach eher etwa zu physiotherapeutischen Interventionen aktivieren lassen (4).

Prof. Kleinert befürwortet diesen edukativen Behandlungsansatz ausdrücklich: »Schmerzwahrnehmung hat ja auch viel mit rationalen Prozessen zu tun, wir sind ihr nicht völlig passiv ausgeliefert. Eine schlechte Informationslage führt zu irrationaler, emotionaler Aufladung des Themas, und das beeinflusst unsere Wahrnehmungsprozesse ungünstig. Verstehen wir hingegen einen Schmerz – woher genau er kommt, was er mir sagt, ob vielleicht sogar eine positive Chance darin liegt –, dann kann ich damit aktiv umgehen und nehme ihn folglich als weniger bedrohlich wahr.« Eine Katastrophisierung fällt insofern unter gut informierten Schmerzpatientinnen und -patienten weniger stark aus.

Einen weiteren Zusammenhang zwischen Psyche und Schmerzwahrnehmung erklärt Prof. Kleinert mit der Gate-Control-Theorie. Sie besagt, dass bereits an der Schwelle ins Rückenmark entschieden wird, welcher Schmerzreiz überhaupt ins Gehirn weitergeleitet wird. Und dies wiederum hängt ursächlich mit dem aktuellen psychischen Zustand zusammen. »So ertragen etwa Fakire im Zustand allerhöchster Konzentration Schmerzen, die jeden normalen Menschen verrückt machen würden. Ihr ,Gate‘ lässt den Schmerz einfach nicht in die aktive Wahrnehmung durch!«

Achtung, Chronifizierungsfalle!

Pauschal unterscheidet man zwischen akutem und chronischem Schmerz – mit großen Auswirkungen auf die Behandlung. Im Leistungssportbereich wird, so Prof. Kleinert, die Grenze zur Chronifizierung teilweise bereits bei etwa drei Monaten angesetzt statt bei sonst üblich sechs. »Während für akuten Schmerz häufig eine klare biomedizinische oder biomechanische Gewebeläsion verantwortlich ist, wird der chronisch gewordene, häufig durch repetitive Überlastungsverletzungen bedingte Schmerz heute nicht mehr rein auf die körperliche Ebene reduziert. Vielmehr geht man ihn im Sinne des biopsychosozialen Schmerzmodells auf drei Ebenen an«, erklärt Prof. Valderrabano. »Dieses Modell bildet alle als heilungserschwerend infrage kommenden Lebensumstände des Athleten ab und identifiziert gleichzeitig positive Potenziale. Dazu gehören etwa familiäre oder finanzielle Schwierigkeiten, Probleme im Beruf, depressive Tendenzen, soziale Isolation und andere. Diese können in ihrer Gesamtheit nicht nur den somatischen Schmerz negativ beeinflussen, sondern auch die Rehabilitation verzögern und die Leistung signifikant vermindern.« (1) (Weiter im Text auf der nächsten Seite)