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Der Tractus iliotibialis und seine Tücken

Laufen liegt besonders bei Freizeitsportlern noch immer im Trend. Mit der wachsenden Zahl an Läufern steigt aber auch die Zahl der Laufverletzungen. Das liotibiale Bandsyndrom (ITBS, Tractus-iliotibialis-Syndrom, Läuferknie, Tractus-Syndrom) ist bei Läufern die häufigste Ursache für Schmerzen an der Außenseite des Knies.

Der Tractus iliotibialis und seine Tücken
© yodiyim/fotolia 

Klassischerweise entsteht es ohne auslösendes Trauma durch Überlastung. Die Inzidenz wird mit fünf bis 14 Prozent angegeben, wobei diese Zahlen je nach Studiendesign, Größe der Stichprobe, Trainingszustand, Geschlecht und anderen Faktoren variieren. Männer scheinen häufiger betroffen zu sein als Frauen, doch auch für diese Hypothese fehlt die letzte Evidenz. Neben Läufern, die es am häufigsten trifft, können auch Radfahrer, Bergsteiger (v. a. beim Berg­abgehen) und andere Sportler betroffen sein, bei denen die Belastung ähnlich ist.

Als auslösend für die Beschwerden wurde in der Vergangenheit vor allem die vermehrte Reibung des distalen iliotibialen Bandes (ITB) über den seitlichen Vorsprung des Oberschenkelknochens (Epicondylus lateralis femoris) beim wiederholten Beugen und Strecken des Kniegelenks gesehen. Ergänzend geht man heute vom Impingement des ITB an dieser Stelle bei einer Kniebeugung von ca. 20 bis 30 Grad aus.

Die Schmerzen können bei einem Tractus-Syndrom aber auch, entsprechend des Verlaufs des ITB von der vorderen Darmbeinspitze (Spina iliaca anterior superior) über das Hüft- und das Kniegelenk bis zum lateralen Epicondylus, an der Hüfte auftreten. Typisch sind stechende oder brennende Schmerzen an der Außenseite des Kniegelenks oder am Trochanter major. Die Schmerzen treten normalerweise unter Belastung erst nach einer gewissen Zeit oder Laufdistanz auf. Nach Ende der Belastung sistieren die Schmerzen in der Regel sofort, setzen aber wieder ein, wenn die Belastung erneut aufgenommen wird.

Verschiedene Einflüsse, aber unklare Ätiologie

Obwohl das Syndrom verbreitet ist, ist noch immer nicht endgültig geklärt, wie ein ITBS entsteht. Zwar haben sich zahlreiche Studien damit befasst, doch liefern sie häufig sich widersprechende Ergebnisse (1). Folgende Faktoren scheinen aber eine Rolle zu spielen (5, 1):

1. Kinematische Aspekte
In vielen Studien wird ein Zusammenhang mit der Hüftadduktion gefunden. Häufig liest man von der Schwäche der Hüftabduktoren als relevantem Faktor. Andere Studien bestätigten das jedoch nicht. Ebenso uneindeutig ist die Situation am Kniegelenk: Sowohl vermehrte als auch verringerte Knieinnenrotation traten bei Läufern mit ITBS auf.

2. Kraftaspekte
Die Kinematik der unteren Extremität wird von der Muskelkraft der beteiligten Regionen beeinflusst. Schwächen in relevanten Muskelgruppen können zur Entstehung eines ITBS beitragen.

3. Morphologische Aspekte
Durch Beinlängendifferenzen, Beckenschiefstand oder einen prominent vorhandenen Epicondylus lateralis femoris oder Trochanter major werden Hüfte oder Knie unausgewogen belastet.

4. Trainingsumfang und Trainingsintensität
Allen Fällen eines ITBS ist gemein, dass es durch Überlastung entsteht. In aller Regel hängt das mit einer Erhöhung des Trainingsumfangs und/oder der Trainingsintensität zusammen.

Weitere Faktoren, die (meist) in Kombination von Bedeutung sind, sind Änderungen in der Schuh- und/oder Einlagenversorgung oder des Laufuntergrunds. All diese Aspekte sollten bei der Anamnese und Diagnostik geklärt werden. Diagnostiziert wird ein Tractus-Syndrom meist über das klinische Beschwerdebild. Mithilfe des Kompressionstests nach Noble sowie des Ober- und des Renne-Tests kann ein ITBS in der Regel festgestellt werden. Insbesondere Läsionen des lateralen Meniskus sollten differenzialdiagnostisch Beachtung finden.

Bild Michael Cassel,
Dr. Michael Cassel, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für Sportmedizin, Freizeit-, Gesundheits- und Leistungssport an der Universität Potsdam © Cassel

Was schmerzt denn da?

Auch die Frage, was genau die Schmerzen verursacht und in welchem Umfang entzündliche Vorgänge stattfinden, ist noch nicht zufriedenstellend zu beantworten. Dr. Michael Cassel, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für Sportmedizin, Freizeit-, Gesundheits- und Leistungssport an der Universität Potsdam, erklärt die aktuelle Hypothese folgendermaßen: »In erster Linie findet keine Entzündungsreaktion statt; vielmehr handelt es sich um eine Reizerscheinung.

Die Ätiologie ist noch nicht geklärt, doch betrachtet man das Geschehen an strukturell vergleichbaren Stellen, könnte ein Erklärungsmodell in einem Stoffumbau des Bandes liegen, ähnlich dem von Tendinopathien.« Das ITB selbst ist nicht entzündet. Histologisch ist der Nachweis des genauen Schmerzauslösers schwierig. In der Bildgebung, also im Ultraschall oder MRT, sieht man zwar gelegentlich die Flüssigkeitseinlagerung und in seltenen Fällen findet man auch einen vergrößerten Schleimbeutel. Doch in anderen Fällen treten Schmerzen ohne Nachweis entzündlicher Prozesse im Umfeld des ITBS auf.