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Der Depression davonlaufen? – Die Bedeutung von Sport in der Therapie

Viele Menschen kennen das tolle Gefühl, das sich einstellt, wenn man sich gegen einen inneren Widerstand dazu aufgerafft hat, Sport zu treiben. Es ist nicht nur der Stolz darüber, den Schweinehund überlistet zu haben, der eine wohlige Zufriedenheit spüren lässt. Die positiven Gefühle, die bessere Stimmung und eine Beschwingtheit entstehen durch die Bewegung. Doch funktioniert das auch, wenn jemand nicht nur gerade keine Lust, sondern eine echte Depression hat? Wenn der Antrieb fehlt, man sich selbst gegenüber eine negative Wahrnehmung hat und auch der Blick nach vorne keine Besserung zu versprechen scheint?

Der Depression davonlaufen? – Die Bedeutung von Sport in der Therapie
© hikrcn/fotolia

Depressionen – jeder Fünfte erkrankt

Depressionen zählen zu den häufigsten und folgenreichsten psychischen Störungen. Gleichzeitig sind sie hinsichtlich ihrer Schwere die am meisten unterschätzten Erkrankungen. Das Risiko, im Laufe des Lebens eine Depression zu erleiden, liegt bei 16 bis 20 Prozent. Der Begriff »Depression« beschreibt ein klinisches Spektrum, das von einzelnen depressiven Symptomen über leichte oder unterschwellige Formen depressiver Störungen bis zu schweren depressiven Erkrankungen reicht. Besonders leichte Formen werden häufig übersehen oder nicht ausreichend und frühzeitig ernst genommen, obwohl auch sie oftmals bereits zu Beeinträchtigungen führen und vor allem mit einem erhöhten Risiko einhergehen, sich zu einer schwereren Form zu entwickeln.

Inzwischen sind einige biologische Faktoren bekannt, die bei der Entstehung eine Rolle spielen. Zum einen gibt es eine genetische Prädisposition, durch welche die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken, auf bis zu 50 Prozent erhöht wird. Zum anderen weiß man, dass es ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter gibt. Die Monoaminmangel-Hypothese geht von einer Verminderung der stimmungsaufhellenden Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin aus. Bekannt ist zudem, dass das cholinerge System, welches Acetylcholin als Transmitter nutzt, während einer Depression verstärkt aktiv ist. Weiterhin spielen strukturelle Veränderungen im Gehirn (u. a. eine gestörte Neurogenese – siehe auch DZSM 3/2017) sowie Störungen der Hormonregulation (z. B. Kortison und Schilddrüsenhormone) eine Rolle.

Trotz des Zusammenspiels verschiedener organischer Systeme sind Depressionen gut zu behandelnde Erkrankungen. Neben einer medikamentösen Behandlung und Psychotherapie wird seit Jahren untersucht, welche Wirkung nichtmedikamentöse somatische Therapieformen haben. Dazu gehört unter anderem auch Sport und körperliche Aktivität. In vielen Studien zeigten sich sehr große Effekte auf die depressiven Symptome, die Ängstlichkeit, die Menge oder Dosierung an notwendigen Medikamenten. Auch die präventive Wirkung von Sport bestätigte sich.

Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen, relativiert diese Aussagen allerdings: »Sport und körperliche Aktivität sind, wie die medikamentöse und psychotherapeutische Therapie, ein Aspekt in der Behandlung von Depressionen. Trotzdem ist es nicht so, dass Sport die anderen Therapien ersetzen könnte.« Zu diesem Ergebnis kommt auch ein Cochrane-Review (1), der randomisierte kontrollierte Studien analysierte, in denen körperliche Aktivität mit der Standardbehandlung, keiner oder einer Placebobehandlung, pharmakologischer oder psychotherapeutischer Behandlung oder einer anderen aktiven Therapieform verglichen wurde. Über 35 Studien hinweg ergab sich ein moderater klinischer Effekt, der sich weiter verringerte, wenn nur Studien höchster Qualität berücksichtigt wurden. Weder der direkte Vergleich von Bewegung mit einer pharmakologischen Behandlung noch der Vergleich mit psychotherapeutischer Behandlung brachte signifikante Unterschiede zutage. Allerdings wurden nur wenige kleine Studien herangezogen, so dass die Schlüsse nicht allgemeingültig sind.

Bild Frank Schneider
Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen © Schneider

Generell zeigt sich, dass es schwierig ist, Studien mit hoher Qualität, vergleichbaren Interventionen und einer ausreichenden Anzahl an vergleichbaren Teilnehmern durchzuführen. Das liegt einerseits daran, dass Verzerrungen nur schwer zu vermeiden sind. Allein die Verblindung ist schwierig und eine adäquate Kontrollgruppe bei körperlicher Bewegung oder einer Bewegungstherapie quasi unmöglich. Auch das Verhalten, das außerhalb der Intervention gelebt wird, ist schwer zu kontrollieren. Zudem wird die Bewertung der Therapie häufig über Selbstbeurteilungsbögen abgefragt, worin ebenfalls die Gefahr eines Bias liegt.

Doch trotz aller Schwierigkeiten in der objektiven Bewertung der Ergebnisse zeigen die vielen positiven Empfindungen der Studienteilnehmer, dass körperliche Aktivität gut angenommen wird und sich bei vielen Betroffenen die Lebensqualität verbessert. Auch in der »Natio­nalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression« wird allen Patienten mit einer depressiven Störung ein strukturiertes und supervidiertes körperliches Training empfohlen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen.