Seite 2 / 2

Fortsetzung Der Depression davonlaufen? – Die Bedeutung von Sport in der Therapie

Generell zeigt sich, dass es schwierig ist, Studien mit hoher Qualität, vergleichbaren Interventionen und einer ausreichenden Anzahl an vergleichbaren Teilnehmern durchzuführen. Das liegt einerseits daran, dass Verzerrungen nur schwer zu vermeiden sind. Allein die Verblindung ist schwierig und eine adäquate Kontrollgruppe bei körperlicher Bewegung oder einer Bewegungstherapie quasi unmöglich. Auch das Verhalten, das außerhalb der Intervention gelebt wird, ist schwer zu kontrollieren. Zudem wird die Bewertung der Therapie häufig über Selbstbeurteilungsbögen abgefragt, worin ebenfalls die Gefahr eines Bias liegt.

Doch trotz aller Schwierigkeiten in der objektiven Bewertung der Ergebnisse zeigen die vielen positiven Empfindungen der Studienteilnehmer, dass körperliche Aktivität gut angenommen wird und sich bei vielen Betroffenen die Lebensqualität verbessert. Auch in der »Natio­nalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression« wird allen Patienten mit einer depressiven Störung ein strukturiertes und supervidiertes körperliches Training empfohlen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen.

Warum Sport gut tut

Sport bzw. körperliche Aktivität wirkt sich auf die Stimmung günstig aus, vermindert Angstgefühle und erhöht die Konzentration des Brain-derived neurotrophic factors (BDNF), der bei Depressiven verringert ist. Außerdem senkt er die Aktivität im präfrontalen Kortex, der bei Depressiven hyperaktiv und am endlosen Grübeln und negativen Emotionen beteiligt ist. Auf psychischer Ebene erhöht Sport die Selbstwirksamkeitserwartung und kann das Selbstwertgefühl verbessern. »Es ist nicht von Bedeutung, welcher Sport ausgeübt wird. Das Wichtigste ist, dass Sport getrieben wird und dass er positiv besetzt wird«, erklärt Prof. Schneider. Ein Einzelsport kann daher genauso sinnvoll sein wie Mannschaftssport, das Training im Fitnessstudio so effektiv wie ein Waldlauf. Jede Aktivität kann aber auch ungünstige Auswirkungen haben, beispielsweise wenn sich der Betroffene über- oder unterfordert fühlt, wenn das Training zu wenig Abwechslung bietet oder wenn die Ziele, die durch den Sport erreicht werden sollen, zu eng gesteckt sind.

Das zeigte die Auswertung des Berliner Sporttherapieprogramms zur Behandlung depressiver Störungen (2). Personen, die als einziges Ziel angaben, »das Laufen erlernen zu wollen«, empfanden bei einer Verletzung, die sie zwang zu pausieren, einen Misserfolg und die depressiven Symptome verschlechterten sich. Am meisten profitierten diejenigen, die zum Ziel hatten, »die psychischen Symptome zu verbessern«, am wenigsten diejenigen, die »Menschen kennenlernen« wollten.

Sehr wichtig ist aber die Frage, wie man Menschen, bei denen die Antriebsstörung ein zentraler Aspekt der Krankheit ist, dazu bringen soll, sich regelmäßig zu bewegen. Dazu muss sensibel für den Patienten das individuell passende Maß an körperlicher Aktivität gefunden werden. In Großbritannien wurde dafür der Physical Activity Facilitator (PAF) entwickelt. Im Zentrum steht die Beratung, um eine geeignete Sportart zu finden und die Steigerung der intrinsischen Motivation, damit diese aufgenommen und beibehalten wird.

Über die optimale Dauer und Intensität für die Behandlung der Depression kann noch keine wissenschaftlich begründete Aussage getroffen werden. Die NICE-Leitlinie »Depression« aus dem Jahr 2009 empfiehlt als Intervention für leichte bis mittelschwere Depressionen Bewegungsprogramme drei Mal pro Woche für die Dauer von je 45 bis 60 Minuten über 10 bis 14 Wochen.

Depressionen im Leistungssport

Dass eine hohe Intensität an sportlicher Aktivität nicht grundsätzlich vor psychischen Störungen schützt, wird spätestens dann sichtbar, wenn Leistungssportler an einem Übertrainingssyndrom leiden oder an einer Depression erkranken. Auch wenn sich in den letzten Jahren viel verbessert hat, um erkrankten Sportlern zu helfen, ist das Thema noch weitgehend tabu. Leistungssportler gelten nach außen hin als stark, motiviert und mental belastbar. Dass nicht nur eine Muskelfaser reißen kann, sondern auch die Psyche verletzlich ist, passt da nicht ins Bild. Zudem haben Sportmediziner, die von ihrer fachlichen Ausbildung in der Regel Internisten, Kardiologen oder Orthopäden sind, wenig Erfahrung mit psychiatrischen Krankheitsbildern.

Doch auch bei Sportpsychologen in Verbänden und Vereinen liegt der Fokus vor allem darauf, Sportlern mentale Hilfen an die Hand zu geben, um sportliche Höchstleistungen abrufen zu können. Leistungs- und Erfolgsdruck, Ausfälle durch Verletzungen, Existenz-ängste und finanzielle Sorgen sowie steigendes Alter und das nahende Karriereende können große Belastungen sein. Um Athleten schnell und kompetent helfen zu können, wurden sportpsychiatrisch-psychotherapeutische Sprechstunden an einigen Universitätskliniken eingerichtet, die sich auch mit der medikamentösen Therapie im Doping-Kontext auskennen.

Dass Sport vielfältige positive Wirkungen hat, ist weithin bekannt. Auch im Rahmen psychischer Erkrankungen sollte mehr Fokus darauf gelegt werden – nicht nur in der Therapie, sondern auch in der Prävention: Sport senkt unter anderem die Rezidivrate bei Depressionen.

Mehr Infos zum Thema: DGPPN – Referat Sportpsychiatrie und -psychotherapie

www.dgppn.de/die-dgppn/referate/sportpsychiatrie.html

Hutterer C

Ähnliche Beiträge zum Thema finden Sie weiter unten!

Quellen:

  1. Cooney GM, Dwan K, Greig CA, Lawlor DA, Rimer J, Waugh FR, McMurdo M, Mead GE. Exercise for depression. Cochrane Database Syst Rev. 2013; 9: CD004366. doi: 10.1002/14651858.CD004366.pub6

  2. Erkelens M, Golz N. Effekte des Sporttreibens bei Depressionen: das Berliner Sporttherapieprogramm zur Behandlung depressiver Störungen – theoretische Grundlegung und Evaluation von Effektgrößen sowie Veränderungsursachen. Berlin: Köster Verlag; 1998.