Bewegungsförderung in der Schule: ein prädestiniertes Setting zur Prävention

Bewegungsförderung in der Schule: ein prädestiniertes Setting zur Prävention
© Christian Schwier / AdobeStock

Der Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen wurde schon vor COVID-19 diskutiert. In einer im April veröffentlichten Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konstatiert die Autorengruppe, dass die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen aus 146 Ländern nicht die aktuellen Richtlinien zur körperlichen Aktivität erfüllen (2). Auf Grundlage dieser Erkenntnisse rief die WHO die internationale Politik auf, dringend notwendige Maßnahmen zur Bewegungsförderung im Kindes- und Jugendalter zu initiieren. Die großangelegte deutsche Motorik-Modul-Studie (MOMO) kommt zu ähnlichen Befunden. Von den in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen erreichen ca. 75 Prozent nicht die geforderten 60 Minuten moderate Aktivität pro Tag (6). Vor allem in der Schule oder im Verein haben sich Kinder und Jugendliche bewegt. Deutlich wird: Das organisierte Sporttreiben hat in den Jahren 2014 bis 2017 zugenommen, die unorganisierte Bewegung ist reduziert.

Die durch die Corona-Krise bedingten Einschränkungen in Schule und Verein könnten daher sehr negative Auswirkungen auf das Bewegungsverhalten und die Gesundheit der Kinder haben. Eine Autorengruppe um Guan und Okely warnten davor, dass Kinder durch die Bewegungseinschränkungen auch ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen sowie Atemwegsinfekte hätten (3). Es ist dementsprechend – und trotz Corona – eine Strategie gefragt, die Kinder und Jugendliche zu körperlicher Aktivität ermutigt und Verhältnisse schafft, die die körperliche Aktivität fördern.

Die Schule ist hier das prädestinierte Setting. In aktuellen Debatten um digitalisierten und Freiluftunterricht sowie kleinere Klassengrößen sollte die Bewegungsförderung nicht außer Acht gelassen werden. Systematische Übersichtsarbeiten zur Bewegungsförderung in Schulen (1, 4, 5) zeigen, dass zwei Domänen der körperlichen Aktivität in der Schule vielversprechend sind: der zielgerichtete Schulsport und die Förderung von Bewegung in anderen Schulfächern, Pausen, bei der Nachmittagsbetreuung und auf Schulwegen. So gelten das Bereitstellen von Equipment für Bewegungsspiele plus ausreichend große Pausenräume und Schulhöfe als effektive Maßnahmen zur Förderung der körperlichen Aktivität und Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Insbesondere die positiven Effekte regelmäßiger Bewegungseinheiten im Rahmen des Fachunterrichts (beispielsweise das Errechnen der Flächeninhalte von geometrischen Figuren, die auf dem Schulhof aufgezeichnet und abgelaufen werden, die Berechnung der durchschnittlichen Geschwindigkeit der Schüler eines 100-Meter-Laufs oder der Einfluss von Körpergröße und anderen Merkmalen im Mathematikunterricht) sind ausreichend dokumentiert. Rein edukative Maßnahmen, wie die Vermittlung von gesundheitsförderlichen Effekten ausreichender Bewegung, zeigen dagegen heterogene Ergebnisse (4). Eine Anpassung des Curriculums hinsichtlich zusätzlicher Sportstunden wird den systematischen Literaturanalysen zufolge als besonders wirksame Methode beschrieben. Am effektivsten sei die Kombination der verschiedenen Maßnahmen (1, 4, 5).

Die negativen Auswirkungen des Bewegungsmangels im Kindes und Jugendalter auf orthopädische, kardiovaskuläre und psychische Gesundheitsparameter sind gut dokumentiert. Diese manifestieren sich in der Regel über die Lebensspanne. So fordern auch Mediziner seit Jahren konkrete Präventionspläne: „Damit wir unser bewährtes Gesundheitssystem auf hohem Niveau halten können, bedarf es eines Präventionsplans“, forderte beispielsweise Prof. Martin Engelhardt, Past President der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) bereits im Jahr 2017. Dieser solle mit dem Staat, Kindergärten und Schulen, dem organisierten Sport und medizinischen Fachgesellschaften abgestimmt, mit den entsprechenden Schulungsmaßnahmen unterlegt und langfristig angelegt sein.

Sports, Medicine and Health Summit 2021

Im Rahmen des Sports, Medicine and Health Summit, der im April nächsten Jahres in Hamburg stattfindet, wird das Thema „Bewegungsförderung in Schulen“ mit Vertretern aus der Wissenschaft, medizinischen Praxis und der Politik diskutiert. Darüber hinaus halten diverse renommierte Wissenschaftler Vorträge zu Bewegung und körperlich-sportlicher Aktivität im Kindes- und Jugendalter.

■ Bischoff L

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Quellen:

  1. Dobbins M, Husson H, DeCorby K, LaRocca RL. School‐based physical activity programs for promoting physical activity and fitness in children and adolescents aged 6 to 18. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013; 2: CD007651. doi:10.1002/14651858.CD007651.pub2

  2. Guthold R, Stevens GA, Riley LM, Bull FC. Global trends in insufficient physical activity among adolescents: a pooled analysis of 298 population-based surveys with 1 6 million participants. The Lancet. 2020; 4: 23-35. doi:10.1016/S2352-4642(19)30323-2

  3. Guan H, Okely AD, Aguilar-Farias N, del Pozo Cruz B, Draper CE, El Hamdouchi A, Löf M. Promoting healthy movement behaviours among children during the COVID-19 pandemic. The Lancet. 2020; 4: 416-418. doi:10.1016/S2352-4642(20)30131-0

  4. Messing S, Rütten A, Abu-Omar K, Ungerer-Röhrich U, Goodwin, L, Burlacu I, Gediga G. How can physical activity be promoted among children and adolescents? A systematic review of reviews across settings. Frontiers in public health. 2019. 7; 55. doi:10.3389/fpubh.2019.00055

  5. Morton KL, Corder K, Suhrcke M, Harrison F, Jones AP, van Sluijs EM, Atkin AJ. School polices, programmes and facilities, and objectively measured sedentary time, LPA and MVPA: associations in secondary school and over the transition from primary to secondary school. Int J Behav Nutr Phys Act. 2016; 13: 54. doi:10.1186/s12966-016-0378-6

  6. Woll A, Oriwol D, Anedda B, Burchartz A, Hanssen-Doose A, Kopp M, Niessner C, Schmidt SCE, Bös K, Worth A. Körperliche Aktivität, motorische Leistungsfähigkeit und Gesundheit in Deutschland: Ergebnisse aus der Motorik-Modul-Längsschnittstudie (MoMo). KIT Scientific Working Papers. 2019; 121. doi:10.5445/IR/1000095369