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Fortsetzung Individualisiertes Training – ein biopsychosozialer Ansatz

Die „soziale Epigenetik“ als biopsychosoziale Forschungsperspektive

Die molekularbiologische Forschung zur Trainingsanpassung des Organismus hat somit, so lässt sich an dieser Stelle festhalten, in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Insbesondere mehren sich die Arbeiten, die explizit darauf hinweisen, dass die physiologische Reaktion auf körperliche Aktivität eben nicht alleine von zeitlich stabilen genetischen Voraussetzungen bestimmt wird, weshalb epigenetischen Mechanismen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden muss (2).

Die eingangs erwähnte, von Forschern wie Bryan et al. (3) geforderte Verzahnung von biologischen, psychologischen und soziologischen Perspektiven, welche zu einem besseren Verständnis nicht nur der Anpassung an, sondern auch der Aufnahme und Aufrechterhaltung von körperlicher Aktivität beitragen könnte, ist in der sportwissenschaftlichen Forschungspraxis bislang allerdings nur ansatzweise zu beobachten. Außerhalb der Sportwissenschaft wird dagegen eine Ergänzung der molekularbiologischen Forschung durch soziologische und psychologische Modelle mit Nachdruck gefordert. So wird befürchtet, dass die epigenetische Forschung, welche eigentlich ein weniger essentialistisches Verständnis von Natur (5) und damit einen substanziellen Fortschritt in der Nature-Nurture-Kontroverse versprochen hat, in einer neuen Form des (biologischen) Reduktionismus steckenbleiben könnte (10).

Insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Epigenetik und Soziologie verspricht hier interessante neue Erkenntnisse. In dieser Perspektive lassen sich epigenetische Entwicklungsmechanismen beispielsweise als Bindeglied zwischen frühen Umweltfaktoren und dem Gesundheitszustand in späteren Lebensjahren verstehen. Aus soziologischer Perspektive kann der Zusammenhang zwischen einer sozialen Benachteiligung im Kindesalter und der späteren Gesundheit beispielsweise so beschrieben werden, dass Kinder aus bildungsfernen und ökonomisch schlecht gestellten Familien in Lebensverhältnisse sozialisiert werden, die durch ungesunde Lebensweisen charakterisiert sind, was im späteren Lebensverlauf zu den negativen Folgewirkungen führt. Die Epigenetik nähert sich diesem Phänomen aus einer anderen Perspektive. So nimmt sie sich der Veränderung von Genexpression und Phänotyp an und untersucht diese als „semi-stable molecular states (e. g. life long and transmissible over a limited number of generations) that influence physiology in subtle ways during development, in physiological conditions and in the establishment of several diseases“ (9).

Gene haben also einen relativ stabilen, aber nicht deterministischen Einfluss, da die biologischen Systeme die Flexibilität besitzen, auf Umwelteinflüsse zu reagieren und in rudimentärer Weise zu „lernen“ (9). Eine frühe epigenetische Programmierung durch ungesunde Umweltverhältnisse würde sich dann möglicherweise über den Lebensverlauf hinweg in ihrer negativen Auswirkung auf die Gesundheit entfalten (9). Die transgenerationale Transmission von schlechter Gesundheit wäre aus dieser Perspektive eben nicht nur aus biologischer Perspektive zu erklären. Vielmehr wäre die Vererbung ungesunder Lebensweisen zu einem gewissen Teil eben auch das Produkt eines unbewussten Lernens ungesunder Lebensweisen, welche die Eltern bereits von ihren Eltern erlernt hatten und die sich in der Folge wiederum biologisch niederschlagen.

Einer der vielen Hinweise auf einen solchen Zusammenhang gibt die Ernährungsforschung. So wird vermutet, dass die Ernährung im frühen Leben auf molekularer Ebene metabolische Strukturen bedingt, welche sich auf die Ernährungsphysiologie im Erwachsenenalter auswirken (7). Wie die Ernährung im frühen Kindesalter erfolgt, hängt wiederum von Einstellungen der Eltern, sozioökonomischen Voraussetzungen, Erziehung, Infrastruktur usw. ab.

Daraus lässt sich schließen, dass soziale Struktur und soziale Regulation direkt und kausal mit der Genomstruktur und Genregulation verbunden sind (8). Für die sportwissenschaftliche Forschung ist dieser Befund nicht zuletzt deshalb besonders interessant, weil Gene, die epigenetisch von der Ernährung beeinflusst werden, offenbar auch in erheblichem Maße von körperlicher Bewegung und ihren metabolischen Korrelaten beeinflusst werden (13).

Aus neueren Arbeiten lässt sich sogar die Vermutung ableiten, dass die Vermittlung von Spaß an körperlicher Aktivität, beispielsweise durch ein motivierendes Sportprogramm oder bewegungsfreundliche Umwelten, langfristig gesehen ein wichtiger Faktor hinsichtlich der Vorbeugung von schweren Krankheiten im späteren Leben darstellen könnte. So wird vermutet, dass der mit körperlicher Aktivität verbundene Eustress als ein epigenetischer Modulator wirkt, der mittels epigenetischer Veränderungen das Risiko für Fettleibigkeit und chronisch-degenerative Erkrankungen reduziert (13).