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Yoga zwischen Therapie und Trauma – Zu Missverständnissen über die populären Körperübungen

Wer heutzutage den Tag nicht mit Sonnengrüßen beginnt, die drei Kriegerpositionen beherrscht und im Baum sein Gleichgewicht findet, scheint verdächtig; zumindest kann es mit dem Gesundheitsbewusstsein nicht weit her sein. Das vermitteln Zeitschriften, Webseiten und Online-Programme, die Yoga als Allheilmittel für jedes Zipperlein bis hin zu Krankheiten propagieren.

Yoga zwischen Therapie und Trauma – Zu Missverständnissen über die populären Körperübungen
© Kilian Trenkle/fotolia

Yoga wird immer beliebter. Waren es vor ein bis zwei Jahrzehnten vor allem esoterisch inspirierte Aussteiger, die sich in der westlichen Welt dem Yoga verschrieben, so ist es nun in der breiten Masse angekommen. Hatha-, Ashtanga-, Iyengar-Yoga, Power-, Air-, Hormon- und therapeutisches Yoga sind nur einige Stile, die in den Studios landauf, landab unterrichtet werden. Um Yoga hat sich eine ganze Industrie entwickelt – angefangen von Matten und Klötzen über Bekleidung, Zeitschriften, Apps und Online-Kurse bis hin zu Yoga-Retreats. Doch häufig wird Yoga falsch verstanden. Was unter­scheidet es von anderen körperlichen Betätigungsformen?

Body, mind and breath

Yoga ist kein Sport, sondern eine Philosophie. Beim Yoga geht es nicht um Schönheit, einen besseren Körper, Kraft oder extreme Beweglichkeit, sondern vor allem um das Ziel, dem Leben ganzheitlich eine bestimmte Richtung zu geben, einen Fokus zu finden. Genau das scheint in unserer Gesellschaft allgemein zu kurz zu kommen. Stress, Zeitknappheit und Optimierung auf allen Ebenen verstellen vielen Menschen den Blick aufs Wesentliche im Leben. Die Sehnsucht nach einem Weg zurück zu sich selbst ist daher mehr als verständlich. Mit Yoga nimmt der Übende Einfluss auf den Körper, den Atem und den Geist. »Nur wenn diese drei Aspekte in jeder Übung zusammenwirken, handelt es sich um Yoga«, erklärt Dr. Martin Soder, Allgemein­mediziner und Yoga-Therapeut.

Der offensichtlichste Anteil im Yoga sind die »Asanas« genannten Körperübungen. In den meisten Yoga-Stilen sind sie essenzieller Bestandteil. Daher kommt wahrscheinlich auch in der äußeren Wahrnehmung der Fokus auf die Körperlichkeit. Dr. Ronald Steiner, Sportmediziner, Yogalehrer und Ashtanga-Yoga-Ausbilder, erklärt: »Yoga-Anfänger beginnen typischerweise mit den körperlichen Übungen. Darüber wird versucht, auch den Atem zu rhythmisieren und den Geist zu erreichen. Dass körperliche Aktivität positive Auswirkungen auf die Psyche hat, ist wissenschaftlich gut belegt.« Wird Yoga angemessen ausgeführt, kann es Beschwerden lindern, die allgemeine Gesundheit und die Selbstregulation verbessern und den Umgang mit Stress verändern. Bestimmte Yoga-Stile und/oder unsachgemäße Ausführung der Asanas können den Körper aber auch schädigen.

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Dr. Martin Soder, Allgemeinmediziner und Yoga-Therapeut, Berlin © Soder

Yogaverletzungen sind Sportverletzungen

Dr. Günther Niessen ist Facharzt für Orthopädie und arbeitet therapeutisch mit Yoga. Etwa 40 Prozent seiner Patienten sind Yogalehrer mit Beschwerden oder Yoga-Praktizierende, die trotz oder durch Yoga chronische Beschwerden haben: »Komplikationen gibt es häufig mit der Schulter, dem Handgelenk, dem Sternoklavikulargelenk, der Lendenwirbelsäule, dem Meniskus und der Hüfte. Aber auch chronische ISG-Problematiken und Zerrungen kommen vor. Das Problem ist, dass viele Asanas belastend oder sogar gesundheitsgefährdend sein können. Zudem überschreiten viele Übende ihre individuelle Belastbarkeit.«

Daran ist, wie Dr. Niessen betont, nicht das Yoga schuld, sondern vor allem, dass es mit einem gewissen Leistungsdruck geübt wird und/oder feste und teilweise hoch­anspruchsvolle Übungsreihen von allen Kursteilnehmern ohne Anpassung an die individuelle Verfassung und körperlichen Voraussetzungen durchgeführt werden: »Yoga kann ungesunde Folgen haben, wenn es wie ein Sport ausgeübt wird. Dann muss man – wie bei jeder anderen Sportart auch – mit Sportverletzungen rechnen.«

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Dr. Günther Niessen, Facharzt für Orthopädie und Yoga-Therapeut, Berlin © Niessen

Masse statt Klasse

Die Bezeichnung »Yogalehrer« ist nicht geschützt. Viele Lehrer sind nicht ausreichend ausgebildet, um auch mögliche ungünstige Wirkungen abzusehen, differenziert beurteilen und angepasst anleiten zu können. So verletzen und schädigen sich die Lehrer häufig auch selbst, denn vorrangig gilt die Meinung: Yoga ist gut und gesund, das kann mir nicht schaden. »Meine fachlichen Kompetenzen in Schulmedizin und Yoga bringen täglich Menschen in meine Praxis, die falsch angeleitet wurden und deswegen Probleme haben. Die für Yoga typischen tiefen Vorbeugen etwa können bei Menschen mit einem Flachrücken zu  einem Bandscheibenvorfall führen. Ein guter Lehrer müsste das erkennen und Alternativen anbieten.« Es scheint also ein Masse-statt-Klasse-Problem zu sein.
Dennoch kann nicht jeder Einzelne beurteilen, wie viel Fachwissen der Yogalehrer mitbringt. Dr. Soder empfiehlt, sich vor allem auf sein eigenes (Körper-)Gefühl zu verlassen: »Wenn man sich bei einer Übung nicht wohl fühlt, sollte man den Lehrer um Rat fragen. Die Antwort gibt einen guten Hinweis über dessen Kompetenz. Wird man ernstgenommen und werden Alternativen vorgeschlagen, ist das ein gutes Zeichen. Wird dem Schüler die Schuld zurückgegeben, ist man mit ziemlicher Sicherheit dort nicht gut aufgehoben.« Es gilt nicht zu üben, was mir gut tun müsste, sondern wahrzunehmen, was tatsächlich gut tut.