Shin Splints statt Sprint: Wenn das Schienbeinkantensyndrom Sportler ausbremst

Shin Splints statt Sprint: Wenn das Schienbeinkantensyndrom Sportler ausbremst
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Das Schienbeinkantensyndrom ist eine bekannte Überlastungsfolge. Mit bis zu 16 Prozent gehört es zwar zu den häufigsten Laufverletzungen, kann aber auch Leistungsathleten aus Sprung- und High-impact-Disziplinen sowie Hobbyläufer treffen. In der Sportmedizin werden die Begriffe Schienbeinkanten- oder Tibiakantensyndrom, Mediales tibiales Stressssyndrom (medial tibial stress syndrome – MTSS) und Shin Splints analog verwendet. Unter Sportlern gefürchtet ist das Syndrom vor allem wegen seines erstaunlichen Schmerzpotenzials und seiner Langwierigkeit. Durch die lange Zwangspause werden Athleten oft ungeduldig und steigen verfrüht wieder voll in die auslösende Sportart ein – doch genau das ist laut Experten der größte Fehler, den man begehen kann. Eine saubere Diagnose, gefolgt von adäquaten Maßnahmen bis zur vollständigen Ausheilung, ist deshalb essenziell.

Differenzialdiagnostische Herausforderung

Kommen Sportler mit quälenden Schmerzen an der distalen posteromedialen Schienbeinkante zum Arzt, sollte immer an ein Tibiakantensyndrom gedacht werden. Die Praxis von Dr. Frank Weinert in Gangkofen fungiert auch als sportmedizinische Untersuchungs- und Beratungsstelle des Bayerischen Sportärzte- und Landessportverbands. Entsprechend viele Patienten mit Überlastungsverletzungen betreut der Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin und betont dabei die hohe Aussagekraft klinischer Symptome gegenüber bildgebender Verfahren: „Beim Vorliegen typischer MTSS-Symptome ist es eigentlich unnötig, sofort zu röntgen oder gar ein MRT anzuweisen. Eine lückenlose Anamnese, begleitet von gewissenhafter palpatorischer Untersuchung, wird ein MTSS fast immer sicher diagnostizieren. Zu bildgebenden Methoden sollte man erst dann greifen, wenn ein begründeter Verdacht auf andere ernste Pathologien wie z. B. eine Stressfraktur besteht. Auch ein Kompartmentsyndrom gilt es unbedingt auszuschließen.“

MTSS-Symptome
  • Klar belastungsinduzierter diffuser Schmerz am Unterschenkel, der mit Trainingsbeginn einsetzt und bei Entlastung schnell nachlässt.
  • Jederzeit palpatorisch auslösbarer Druckschmerz über ≧ 5 cm an der distalen posteromedialen Schienbeinkante
  • Meist sicht-/tastbar geschwollene Bereiche im betroffenen Areal
Mögliche Diffenzialdiagnosen und Risikofaktoren (1, 3)
Schienbeinkantensyndrom, Differenzialdiagnosen, Risikofaktoren
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Das bone stress continuum

Wird ein MTSS nicht korrekt erkannt und behandelt oder vom Athleten aus ehrgeizigen Gründen zu lang ignoriert, kommt laut Dr. Weinert das bone stress continuum in Gang: „Durch die fortgesetzte Belastung der Tibia mit vermehrtem knöchernem Umbau, das im MRT zuerst gar nicht oder höchstens als leichte Signalerhöhung am Periost sichtbar ist, entsteht in weiterer Folge ein Knochenmarksödem, das sich durch zunehmende, zunächst weiterhin diffuse Schmerzen äußert. Wird selbst dann noch nicht reagiert, kommt es zu einer Stressfraktur. Diese meldet sich durch umschriebene Schmerzen auch in Ruhe, zum Beispiel nachts, und sind dann auch im MRT klar quantifizierbar.“ Dass dieses Risiko bei weiblichen Sportlerinnen 1,5- bis 3,5-mal höher ist als bei ihren männlichen Kollegen, führt man unter anderem auf die so genannte female athlete triad (FAT) zurück: „Passen Athletinnen ihre Ernährung nicht ausreichend dem trainingsbedingt erhöhten Energieverbrauch an, geraten sie in ein Nährstoff- und schließlich in ein Östrogendefizit. So kommt es zu osteoporotischem Knochenumbau und die Anfälligkeit für Stressfrakturen steigt“, erklärt Dr. Weinert. Diese These passt auch zu den Aussagen von Studien, die die knöcherne Überlastung bei chronischem MTSS auf reduzierte Knochenmineralisationsdichten an der Tibia zurückführen, welche sich gleichzeitig mit dem Verschwinden der Symptome auf ein gesundes Maß zurückbilden (5). Eine Studie iranischer Wissenschaftler rückt außerdem den Einfluss von Vitamin-D-Mangel auf tibialen Knochenschmerz in den Fokus (1).

Dr. Frank Weinert, Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin
Dr. Frank Weinert, Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin © Weinert

Diffenzialidagnose Kompartmentsyndrom

Klagt der Patient über dumpf drückende, krampfartige oder brennende belastungsinduzierte Schmerzen sowie über Parästhesien oder Paresen, handelt es sich eher um ein funktionelles Kompartmentsyndrom (chronic exertional compartment syndrome – CECS). Hier erhöht sich, etwa bei übermäßigem Training oder Einnahme von Kreatin oder Anabolika, der Kompartmentdruck in der geschlossenen Muskelloge extrem und beeinträchtigt die arterielle und venöse Durchblutung. Als Folge degeneriert das umgebende Gewebe im betroffenen Kompartiment bis hin zu Nekrosen. Zunächst wird man – ähnlich wie beim MTSS – versuchen, konservativ mit Aktivitätsreduktion, vorsichtigen Dehnübungen, Kühlung und Anpassung von Training, Laufstil und Schuhwerk zu behandeln. Bleibt dies ohne Effekt, muss die unter Spannung stehende Faszie operativ per Fasziotomie entlastet werden. Beim MTSS ist diese Maßnahme laut Dr. Weinert nicht notwendig.

Schienbeinkantensyndrom: Behandlung, Belastung, Belastbarkeit

Bei der Behandlung eines Schienbeinkantensyndroms muss der Arzt vor allem eines: aufklären. Viele Patienten haben zu hohe Erwartungen und finden sich nur ungern damit ab, dass sich die Rückkehr zur gewohnten sportlichen Aktivität über Monate hinziehen soll. Studien zeigen ganz eindeutig, dass annähernd schmerzfreies Laufen bei mittlerer Intensität oft erst nach 90 Tagen, bei höherem Aktivitätsniveau eher nach 9 bis 12 Monaten realistisch zu erwarten ist (5).

Für frisch diagnostizierte MTSS nennt Dr. Weinert progressive Belastungssteigerung als wichtigste Komponente: „Initial empfehle ich eine Übergangsphase von mindestens zwei Wochen, in denen sich der Athlet sehr belastungsreduziert alternativ bewegt, etwa in Form von Ergometertraing oder Aquajogging. Im Leistungsbereich hat sich für Läufer ein stark stoßgedämpftes Training mit dem ,Alter-G‘-Laufband etabliert. Danach erfolgt die stufenweise Aufbelastung um wöchentlich 10 Prozent. Neuere Studien sehen mittlerweile sogar Steigerungsraten von wöchentlich 30 Prozent als machbar an, aber das muss man individuell abstimmen. Das Schmerzlevel sollte auf einer Skala von 0 bis 10 nie höher als 2 liegen. Hier muss, optimalerweise in engmaschiger Begleitung durch Physiotherapeuten und Trainingspersonal, ein gutes Gleichgewicht zwischen Belastung und Belastbarkeit gefunden werden.“

Also Pensum reduzieren und ansonsten alles beim Alten lassen? Auf keinen Fall, insistiert der Sportmediziner: „Wer einfach weitermacht wie bisher, kann sich eines Rückfalls beinahe sicher sein. Die Umstellung der Lauftechnik auf eine höhere Spurbreite ist angezeigt, wenn der Läufer die Füße schmal wie auf einer Linie setzt oder sich ein ,crossing over‘ zeigt, ebenso wie optimal zum Fuß und Untergrund passende Schuhe sowie gegebenenfalls Einlagen, die übermäßige Pronation ausgleichen. Auch eine insgesamt höhere Schrittfrequenz bei kleinerer Schrittlänge entlastet die gestresste Tibia, genauso wie Übungen zur Kräftigung der Plantarflexoren.“ Die Gabe von NSAR erachtet Dr. Weinert als kontraproduktiv, weil Wirkstoffe dieser Medikamentengruppe strukturelle Reparaturprozesse im Knochen hemmen kann.

Zur kurzzeitigen Schmerzlinderung können Eismassagen wohltuend sein. Als zusätzliche, aber niemals alleinige Maßnahme zeigen Studien eine mäßige bis gute Wirksamkeit von fokussierter Stoßwellentherapie (4). Für die Überprüfung des Heilungsfortschritts haben dänische Forscher den sogenannten MTSS-Score entwickelt – eine einfache 4-Punkte-Skala zur Bewertung der Verletzung aus Patientensicht. (5)

■ Kura L

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Quellen:

  1. Babaei M, Jadidi ME, Heidari B, Gholinia H. Vitamin D deficiency is associated with tibial bone pain and tenderness. A possible contributive role. Int J Rheum Dis. 2018; 21: 788-795

  2. Bambach S, Anagnostakos K, Deubel G, Kelm J. Schienbeinkantensyndrom. DZSM 2006; 11, 282-283

  3. de Bruijn J, Winkes M, van Eerten P, Scheltinga M. Chronic exertional compartment syndrome as a cause of anterolateral leg pain. Chronisches belastungsbedingtes Kompartmentsyndrom als Ursache anterolateraler Beinschmerzen. Unfallchirurg 2020; 123: 8-14. doi:10.1007/s00113-019-0641-9

  4. Gomez Garcia S, Ramon Rona S, Gomez Tinoco MC, et al. Shockwave treatment for medial tibial stress syndrome in military cadets: A single-blind randomized controlled trial. Int J Surg. 2017; 46: 102-109. doi:10.1016/j.ijsu.2017.08.584

  5. Winters, M. Diagnostik und Therapie des Schienbeinkantensyndroms. Unfallchirurg 2019; 122: 848–853. doi:10.1007/s00113-019-0666-0