Wie beeinflussen Sport und kardiorespiratorische Fitness das kardiovaskuläre Risiko?
Regelmäßige körperliche Aktivität gilt als zentraler Bestandteil der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Aktuelle Leitlinien empfehlen Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderat bis intensiv belastende körperliche Aktivität (MVPA) pro Woche. Die kardiovaskuläre Wirkung dieser Aktivitätsmenge ist jedoch individuell unterschiedlich und es ist unklar, ob dieser allgemeine Schwellenwert bei unterschiedlichen Fitnessniveaus einen gleichwertigen kardiovaskulären Schutz bietet. Eine wichtige Rolle spielt dabei die kardiorespiratorische Fitness (CRF), gemessen als maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max). Vor diesem Hintergrund versuchten chinesische Forscher jetzt in einer großen Kohortenstudie herauszufinden, wie körperliche Aktivität und Fitness gemeinsam mit dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängen und ob sich daraus individuellere Bewegungsempfehlungen ableiten lassen (1).
Hierfür wurden Akzelerometer-Messungen von 17.088 Erwachsenen (Durchschnittsalter 57,4 Jahre, 56,2 Prozent Frauen) aus der UK-Biobank verwendet und mit Krankenhaus- und Sterberegisterdaten verknüpft. Alle berücksichtigten Fitnessdaten wurden objektiv über sieben Tage mit einem Handgelenk-Beschleunigungsmesser erfasst, während die kardiorespiratorische Fitness anhand eines submaximalen Fahrradergometertests geschätzt wurde.
Über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 7,85 Jahren traten 1233 kardiovaskuläre Ereignisse auf, darunter Vorhofflimmern, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Schlaganfall. Mithilfe eines nichtlinearen Cox-GAM-Modells analysierten die Forscher den gemeinsamen Zusammenhang von MVPA und CRF mit dem Erkrankungsrisiko. Ergänzend erfolgten Mendelsche Randomisierungsanalysen zur Prüfung möglicher kausaler Zusammenhänge.
Die Analyse zeigte einen signifikanten, nichtlinearen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität, Fitness und kardiovaskulärem Risiko. Sowohl eine höhere MVPA als auch eine höhere CRF waren mit einem geringeren Risiko verbunden. 150 Minuten MVPA pro Woche gingen über alle Fitnessniveaus hinweg mit einer relativen Risikoreduktion von etwa 8–9 Prozent gegenüber Inaktivität einher. Für größere Risikoreduktionen waren jedoch deutlich höhere Aktivitätsumfänge erforderlich: Etwa 340–370 Minuten pro Woche waren mit einer Risikoreduktion von 20 Prozent verbunden, während für etwa 30 Prozent rund 560–610 Minuten pro Woche notwendig waren. Personen mit niedriger Fitness benötigten dabei tendenziell etwas mehr Aktivität, um vergleichbare relative Risikoreduktionen zu erreichen. Gleichzeitig nahm das kardiovaskuläre Risiko mit steigender CRF kontinuierlich ab.
Die Mendelsche Randomisierung lieferte ergänzende, aber weniger eindeutige Hinweise. Eine genetisch vorhergesagte höhere kardiorespiratorische Fitness war insbesondere mit einem geringeren Risiko für Herzinsuffizienz verbunden (OR 0,79; 95%-KI 0,63–0,99). Für körperliche Aktivität zeigten sich dagegen keine konsistenten kausalen Zusammenhänge mit den untersuchten kardiovaskulären Endpunkten. Die Autoren weisen darauf hin, dass genetische Instrumente für körperliche Aktivität derzeit vergleichsweise schwach und heterogen sind.
Insgesamt bestätigt die Studie die Bedeutung der bestehenden Empfehlung von 150 Minuten MVPA pro Woche als universelle Mindestempfehlung. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse, dass höhere Aktivitätsumfänge mit zusätzlichem Nutzen verbunden sein können und dass die individuelle kardiorespiratorische Fitness bei einer differenzierteren Bewegungsberatung berücksichtigt werden sollte. Eine fitnessabhängige „Minuten-Risiko“-Matrix könnte hierfür eine Grundlage bieten. Künftige Leitlinien und Umsetzungsstrategien müssen möglicherweise zwischen dem minimalen MVPA-Umfang für einen grundlegenden Schutz und den deutlich höheren Umfängen unterscheiden, die für eine optimale Verringerung des kardiovaskulären Risikos erforderlich sind.
Einschränkend weisen die Autoren jedoch darauf hin, dass man aufgrund des beobachtenden Studiendesigns, der selektierten und wahrscheinlich gesünderen Studienpopulation, der nur einmaligen Messung von Aktivität und Fitness sowie möglicher Restkonfundierung die Ergebnisse nicht direkt als individuelle kausale Bewegungsvorgabenauffassen könne.
■ Plaum P
Ähnliche Beiträge zum Thema finden Sie weiter unten!
Quellen:
Liang Z, Du S, Zhao S, et al. Joint non-linear dose-response associations of device-measured physical activity and cardiorespiratory fitness with cardiovascular disease: a cohort and Mendelian randomisation study. Br J Sports Med. 2026 Aug 16;60(16):1238-1249. doi: 10.1136/bjsports-2025-111351