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Fortsetzung Sportherz – auch ein starker Motor kann stottern

Theorien besagen nämlich, dass es auch Menschen mit physiologisch größeren Herzen gibt … genauso wie Sportler, die kein Sportherz ausbilden. Frau Dr. Hasema Persch ist Leiterin der Ambulanz der Sport- und Rehabilitationsmedizin der Uniklinik Ulm. Sie ergänzt: »Bei Unklarheiten kann auch eine Spiro­ergometrie weitere Hinweise darauf geben, ob Veränderungen durch eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit bedingt sein können. Auch die Pumpleistung muss beim gesunden Athleten in Ruhe echokardiographisch über 50 Prozent liegen.«

Prof. Burgstahler betont: »Man kann sich eben nicht darauf verlassen, dass jemand, der sehr leistungsfähig ist, nicht auch herzkrank sein kann.« Manchen Athleten wird eventuell über viele Jahre ein Sportherz attestiert, während sie in Wahrheit unter einer Herzerkrankung leiden. Auch weil die Prävalenz von kardiologischen Erkrankungen im Alter zunimmt, wird empfohlen, nach längerer Sportpause eine sportmedizinische Untersuchung inklusive Belastungs-EKG durchführen zu lassen. Die DGSP empfiehlt sie für Sportler ab dem 35. Lebensjahr. »Grundsätzlich abgeklärt werden müssen Veränderungen wie eine ungewöhnliche Veränderung nur einer Herzkammer, insbesondere eine asymmetrische linksventrikuläre Hypertrophie und Kontraktilitäts- bzw. Wandbewegungsstörungen sowie eine dilatierte Aorta ascendens«, erklärt Dr. Persch.

EKG-Veränderungen beim Sportler: die Seattle-Kriterien

Das Ruhe-EKG eines Athleten kann ebenfalls Anlass zur Unsicherheit bieten: »Etwa 60 Prozent aller Athleten haben kein vollständig normales EKG. Bei ca. 80 Prozent werden Sinusbradykardien zwischen 31 und 50 Schlägen pro Minute beobachtet, bei ca. 55 Prozent Sinusarrythmien und bei bis zu 8 Prozent wechselnde Vorhoferregungen in Ruhe. »Da ist es nicht immer einfach zu beurteilen, was noch gesund ist«, erklärt Prof. Dr. Matthias Antz, leitender Abteilungsarzt der Elektrophysiologie am Klinikum Braunschweig.

Da viele Veränderungen beim Sportler deutlich häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung, außerdem von der Ethnizität abhängen (Unterschiede zwischen Sportlern kaukasischer und afrikanischer/karibischer Abstammung) und zugleich nicht zwingend pathologisch sind, wurden im Jahr 2012 die Seattle-Kriterien entwickelt. Sie geben Hinweise darauf, welche Veränderungen im EKG bei Athleten noch normal sind und welche nicht mehr. Dazu zählen neben den genannten beispielsweise auch AV-Block 1. Grades und AV-Block 2. Grades Typ Wenckebach, ein inkompletter Rechtsschenkelblock (bei bis zu 40 Prozent) und weitere (2).

»Eine Ursache der Anpassungen liegt in der starken Erregung des vagalen Nervensystems beim Athleten. Sowohl die Aktivität des Sinus- als auch des AV-Knotens wird dadurch verändert«, erklärt Prof. Antz. Eine weitere Ursache liegt in den muskulären Adaptationen an das intensive Training. »Besonders das rechte Herz wird stark beansprucht, was zum so genannten Remodelling, also einer Vergrößerung des rechten Herzens, und damit zu veränderten Leitungszeiten führen kann«, so der Elektrophysiologe weiter. Dass intensiver Sport nicht nur gesund ist, zeigt sich auch beim Vorhofflimmern. Marathonläufer, Radsportler oder Langläufer haben ein bis zu zehnfach höheres Risiko als ein Freizeitsportler, der täglich »nur« sechs Kilometer joggt. Werden die Trainingsumfänge und die Trainingsintensität reduziert, kann sich die Situation normalisieren.

Matthias Antz
Prof. Dr. Matthias Antz, leitender Abteilungsarzt der Elektrophysiologie am Klinikum Braunschweig © Antz