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Neurologische Sportmedizin – weit mehr als Gehirnerschütterungen und periphere Nervenschäden!

Neurologische Sportmedizin – weit mehr als Gehirnerschütterungen und periphere Nervenschäden!
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In den letzten Jahren wurden sportneurologische Probleme in Kliniken, Praxen und in der Wissenschaft immer präsenter. Insbesondere rezente klinische und wissenschaftliche Entwicklungen und prominente Fälle von sport-induzierten leichten Schädel-Hirn-Verletzungen (‚Concussions‘) haben maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Sensibilisierung für sportneurologische Themen stattfindet. Diese gehen jedoch weit über Gehirnerschütterungen im Sport hinaus und bieten erhebliche Möglichkeiten im Hinblick auf Prävention und Therapie im und durch Sport.

„Sportneurologie“ ist die am schnellsten wachsende Sektion innerhalb der American Academy of Neurology (AAN) (4). Für diese Entwicklung ist maßgeblich das stetig wachsende Interesse und die damit verbundenen zunehmenden klinisch relevanten Erkenntnisse hinsichtlich sport-induzierter leichter Formen von Schädel-Hirn-Traumata („Concussions“) verantwortlich, die insbesondere in den in anglo-amerikanischen Ländern beliebten Kontakt- und Kollisionssportarten wie American Football, Rugby und Eishockey prävalent und bedeutsam sind. Auch in Deutschland hat die Wichtigkeit dieser Thematik in den letzten Jahren berechtigt zugenommen, denn auch in anderen Sportarten bereiten Concussions vermehrt Probleme im klinischen Management. Dabei besteht jedoch auch aufgrund von anderen Strukturen im organisierten deutschen (Spitzen-)Sport und im medizinischen Versorgungssystem die Notwendigkeit für eine an vielen Stellen adäquatere medizinische Versorgung sowie eine praxis-relevante Forschung zu Concussions (1).

Schädel-Hirn-Verletzungen / Concussion

Am Beispiel der Concussion lassen sich bereits treffend einige wichtige sportneurologische Aufgabenfelder definieren. Hierzu gehören unter anderem die Diagnostik und Therapie von Concussions, aber auch das Begleiten von Return-to-Play und Return-to-Performance, sowie insbesondere die Entwicklung und Anwendung von Präventionsstrategien zur Verhinderung einer solchen Verletzung. Dabei bieten die in regelmäßigen Abständen aktualisierten Publikationen der ‚Concussion in Sport Group‘ evidenzbasierte Leitlinien für den Umgang mit der Verletzung in der Praxis (11). Unerlässlich für ein gutes therapeutisches Ergebnis ist dabei die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller beteiligter Fachdisziplinen (wie zum Beispiel Unfallchirurgie, Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Physiotherapie, Neurologie, Neuropsychologie, Neuroradiologie, etc.). Wenn gemäß Empfehlungen und Leitlinien ge- und behandelt wird, hat die Concussion eine äußerst gute Prognose, da dann bis zu 90% der Fälle folgenlos ausheilen (1). Diese Chance gilt es zu nutzen und durch eine zielgruppengerechte Sensibilisierung für das Thema mit entsprechendem Wissenstransfer dafür zu sorgen, dass auch hierdurch die Rate von Chronifizierungen und Folgeerkrankungen reduziert wird.

Da es derzeit keinen validen diagnostischen Biomarker für das Vorliegen einer Concussion gibt, ist es wichtig, durch entsprechende Kenntnis von Verletzungsmechanismen und deren Auswirkungen auf Hirnfunktionen, Symptome und klinische Untersuchungsbefunde aller in der Sportmedizin tätigen Ärztinnen und Ärzte, die Dunkelziffer zu erniedrigen. Gleichermassen obliegt es uns Sportmedizinern, dazu beizutragen, dass die Vigilanz in der (Leistungs- und Breiten-) Sport treibenden Allgemeinbevöllkerung wächst und auch von Patienten-, Betreuer-, und Angehörigenseite angemessen mit der Verletzung umgegangen wird.

Das Spektrum zentraler sportneurologischer Verletzungen reicht allerdings noch weit über die Concussion hinaus (19). Andere (schwerere) Formen von sport-induzierten Schädelhirntraumen sind zwar deutlich seltener als Concussions, Versorgungswege sind hier allerdings zumeist klarer definiert.

Prof. Dr. med. Dr. rer. medic. Claus Reinsberger, Leiter des Sportmedizinischen Instituts, Universität Paderborn © Reinsberger C