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Fortsetzung Neurologische Sportmedizin – weit mehr als Gehirnerschütterungen und periphere Nervenschäden!

Ebenso ermutigend sind Studien, die belegen, dass sich das relative Risiko, eine Demenz vom Alzheimer Typ zu erleiden, durch regelmäßigen Sport und körperliche Aktivität um bis zu 45% senken lässt (7). Ähnliche epidemiologische und meta-analytische Daten lassen sich mittlerweile für viele neurologische und neurodegenerative Erkrankungen finden. Neben den symptomatischen Effekten verschmelzen dabei die Grenzen von präventiven und therapeutischen Wirkungen. Wie sonst als durch immunologische Prozesse ist es zu erklären, dass sich durch regelmäßiges Sporttraining die Schubrate bei Multiple Sklerose um 27% verringern lässt (15)?

Für Sport und körperliche Aktivität gibt es prinzipiell unter den neurologischen Patienten keine ‚No-Go’s‘ mehr. Wie auch in nahezu jedem anderen Fachgebiet lassen sich in jedem Krankheitsstadium auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichem Ausmaß positive Effekte beschreiben. Es geht vielmehr darum, ein dem Patienten und Krankheitsstadium angepasstes Maß an Sport und körperlicher Aktivität zu finden. Da hier jedoch die Möglichkeiten grenzenlos sind, wäre es zielführend, zukünftig noch zahlreicher diese therapeutischen Chancen in Behandlungspläne zu integrieren.

Sport als neurologische Apotheke

Es stellt sich zum jetzigen Zeitpunkt also zumeist nicht mehr die Frage ob, sondern wie Sport und körperliche Aktivität bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen individuell am wirksamsten ist. Traditionell untersuchen die meisten Interventions-Studien die Effekte von Ausdauer- und/oder Krafttraining – zumeist mit positiven Ergebnissen. Die Bestimmung von Surrogatmarkern von Neuroplastizität in Serum und neuronaler Bildgebung verstärken dabei die bereits vielfach aus Tiermodellen gewonnenen Erkenntnisse zur Wirkweise von körperlichem Training auf das Gehirn (16). Auch klinisch lassen sich aus größeren Datenmengen erste Erkenntnisse zu Therapieeffekten, -dauer und Dosis-Wirkungsverhalten ziehen (10, 21). Hier besteht sicher noch die größte und herausforderndste, aber vermutlich auch dankbarste Aufgabe für die sportneurologische Zukunft. Die Standardisierung von nicht-ausdauer- & nicht-kraftbasierten Interventionen (z. B. im Rahmen von Koordinationstraining) sowie deren Kombination mit anderen Trainings- und Beanspruchungsformen ist wissenschaftlich sicher schwierig.

Wollen wir aber in der Zukunft noch wirksamere Therapieempfehlungen aussprechen, bedarf es tierexperimenteller und klinischer Studien, die die komplexe Struktur und Funktionsweise des Gehirns ebenso berücksichtigen wie die vielseitigen Gestaltungsmöglichkeiten von Sportinterventionen, auch über die motorischen Beanspruchungsformen Ausdauer und Kraft hinaus. Hier gilt es, Effekte von allgemeiner körperlicher und sportlicher Aktivität differenziert im Hinblick auf Outcome-Parameter wie Inzidenz/Prävalenz der entsprechenden Erkrankung, Progression, Funktionalität etc. zu betrachten. Koordinative Beanspruchung induziert zum Beispiel ebenfalls neuroplastische Veränderungen auf vielen Ebenen im Tiermodell (8) wie im menschlichen Gehirn (20), findet sich jedoch noch selten in Leitlinien zur sportlichen Aktivität bei neurologischen Erkrankungen (da oftmals noch keine evidenzbasierten Daten vorliegen).

Sollte es gelingen, künftig verschiedene Beanspruchungsformen individuell kombiniert zu dosieren und deren Wirkung systematisch zu erfassen, bieten sich aus sportneurologischer Sicht immense therapeutische Möglichkeiten. Dann wäre Sport tatsächlich nicht nur ein Medikament, sondern wie eine Apotheke aus der man verschieden wirksame ‚Tabletten‘ in unterschiedlicher Dosierung und Art der Anwendung applizieren könnte – ein Prinzip, das vielleicht für kein Organ so wichtig ist wie für das Gehirn.