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Fortsetzung Sportverletzungen – Pech oder prognostizierbar?

Bei Kaderathleten dient unter anderem die umfangreiche jährliche sportmedizinische Untersuchung dazu, neben klassischen klinischen Parametern und leistungsphysiologischen Tests auch Dysbalancen, Muskelverkürzungen oder andere Risikofaktoren bzw. -muster für Verletzungen zu erkennen. Je nach Sportart, Leistungsniveau und Trainerpersönlichkeit werden die Untersuchungsergebnisse mehr oder weniger gut in die Trainingsgestaltung integriert. Klar ist, dass in Individualsportarten eine Anpassung der Trainings an die Bedürfnisse des einzelnen Sportlers leichter möglich ist als im Teamsport. Dennoch gibt es grundlegende Bausteine, die für eine optimale Leistungsentwicklung zusammenspielen müssen. »Das sportartspezifische Training ist in vielen Fällen bis in den Amateurbereich hinein sehr gut. Deutlich schlechter steht es um das athletische Grundtraining, das häufig vernachlässigt wird. Noch ungenügender werden die Maßnahmen zur körperlichen und mentalen Regeneration integriert. Hier gibt es oft kein durchdachtes Konzept«, erklärt Prof. Dr. Rüdiger Reer.

Risikoabschätzung versus Verletzungsvorhersage

Da viele Faktoren auf die Entstehung einer Verletzung einwirken, wäre eine optimale Abstimmung sicherlich wünschenswert. Denn das grundsätzliche Problem liegt darin, dass durch das Erkennen von Risikofaktoren zwar das Verletzungsrisiko einigermaßen genau abgeschätzt werden kann, aber dennoch keine Vorhersage dahingehend möglich ist, wer sich tatsächlich verletzen wird.

Der Norweger Roald Bahr argumentierte in einer Veröffentlichung, dass kein Screening-Test existiere, der eine Aussage darüber zulasse, welcher Athlet sich tatsächlich verletzen werde. Zwar gebe es, so der Autor, eine Reihe von Tests, die einen statistisch signifikanten Zusammenhang mit dem Verletzungsrisiko herstellten, doch das helfe nur dabei, die kausalen Zusammenhänge zu begreifen und nicht dabei, Verletzungen mit ausreichender Genauigkeit vorherzusagen. Sind Screening- und Präventionsprogramme zur Verletzungsprophylaxe damit hinfällig?

In der Tat spielt für die Einschätzung auch das Präventionsparadox eine Rolle. Betrachtet man beispielsweise Verletzungen des vorderen Kreuzbandes, so weiß man, dass eine vorausgegangene Verletzung ein Risikofaktor für eine weitere Kreuzbandverletzung darstellt. Legt man Zahlen von Kreuzbandverletzungen bei Fußball- und Handballspielerinnen zugrunde (2), so liegt der positiv prädiktive Wert für eine erneute Verletzung bei 29 Prozent. Die meisten Verletzungen treten bei Athletinnen ohne vorherige Kreuzbandverletzung auf. Würden nur bereits in der Vergangenheit verletzte Athletinnen ein Präventionsprogramm durchführen, würde ein Großteil der Sportlerinnen davon ausgeschlossen. Die Zahlen zeigen aber auch, dass das Risiko, sich erneut zu verletzen, um das 3,6-Fache erhöht ist. Sollten folglich alle Athletinnen – zuvor verletzte und unverletzte – ein Präventionsprogramm durchführen? Sinnvoll wäre es, aber der Trainingsalltag sieht meist anders aus.

Die Schwierigkeit liegt darin, eingreifen zu können, bevor eine Verletzung auftritt. Neben messbaren und durch funktionale Tests sichtbaren Risiken spielen hier aber noch eine Reihe weiterer Punkte hinein – der Charakter des Sportlers, der Zeitpunkt in der Saison, Erfolge bzw. Misserfolge in der Vergangenheit, die psychische Verfassung, die Begeisterung oder der Wunsch, einen Wettkampf, ein Spiel oder ein Turnier zu bestreiten, die Situation der Mannschaft und weitere. Zudem spielen alle Risikofaktoren zusammen, sodass erst die Kombination aus einzeln nicht bedeutsamen Faktoren in der Komplexität zu einer Verletzung führt. (Weiter im Text auf der nächsten Seite)