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Fortsetzung Sarkopenie: Bewegung und proteinreiche Ernährung helfen

Ganggeschwindigkeit und Handgriffkraft als Indikatoren

Manchen alten Menschen sieht man ihre Gebrechlichkeit förmlich an. Doch häufig ist der Zustand der Muskulatur und ihre Funktionalität nicht so einfach zu erkennen. Auch übergewichtige Menschen können unter Sarkopenie leiden („sarcopenic obesity“). Eindeutige Grenzwerte sind schwer zu definieren, doch es gibt Tests und Verfahren, mit denen die Sarkopenie erkannt und in ihrer Schwere klassifiziert werden kann. Ein erstes und einfaches Screening ist anhand der Ganggeschwindigkeit möglich. Liegt diese über eine Distanz von sechs Metern unter 0,8 m/s, sollte eine weitere Abklärung erfolgen, beispielsweise anhand der DEXA-Methode zur Bestimmung der Muskelmasse. „Bekannt ist das Verfahren vor allem zur Bestimmung der Knochendichte. Doch neuere Ganzkörpergeräte können Knochenmasse, Gesamtfett und Muskelmasse bestimmen und aufzeigen, wie die Konstellation der drei Kompartimente zueinander ist. Leider ist eine eindeutige quantitative Aussage mit dieser Methode momentan noch nicht möglich, doch mit Hilfe von Algorithmen, die Methoden der Künstlichen Intelligenz verwenden, wird das in nicht allzu ferner Zukunft standardisiert möglich sein“, erläutert Prof. Beer. Bis dahin kann ein Wert zur Muskelmasse der Extremitäten mittels einer von Newman et al. (5) verwendeten Formel errechnet werden.

Die Muskelkraft kann mit Hilfe der dynamometrischen Handkraftmessung eruiert werden. „Sie stellt einen sehr guten prognostischen Marker für die Kraftfähigkeit im gesamten Körper dar. Studien zeigen, dass mit der Handgriffkraft sogar eine Vorhersage zur Mortalität möglich ist. Je geringer die Handgriffkraft, desto größer die Mortalität, wenn das Individuum seinen Lebensstil unverändert beibehält“, erklärt Prof. Gehlert. Die Muskelleistung wiederum kann mit standardisierten funktionellen Tests, wie beispielsweise dem „Chair Stand Test“ (CST) oder dem „Stair Climb Test“ bestimmt werden.

Anhand der Ergebnisse lässt sich auf die Schwere der Sarkopenie schließen: Ist nur die Muskelmasse (z. B. erfasst über DEXA) erniedrigt, die anderen Parameter aber im Normbereich, so spricht man von Prä-Sarkopenie. Ist zusätzlich die Muskelkraft erniedrigt (z. B. Handkrafttest), wird eine Sarkopenie diagnostiziert und ist auch die Muskelleistung erniedrigt, liegt eine ernste oder schwere Sarkopenie vor (2).

Die Forschung der letzten Jahre konnte deutlich zeigen, dass das Aktivitätslevel das entscheidende Kriterium für die Muskelkraft und Lebensqualität ist. Doch an Bewegung, zumal an intensiver Bewegung oder sogar Krafttraining fehlt es im Alter und bei Menschen mit schweren Erkrankungen wie Krebs häufig. Das mag zum einen an geringerer Motivation und Lust an Bewegung liegen, die häufig mit dem Alter oder auch mit zunehmenden körperlichen Beschwerden abnehmen. „In vielen Köpfen ist aber trotz zahlreicher Daten noch verankert, dass alte Menschen sich besser schonen sollten“, sagt Prof. Gehlert.

Wie viel Bewegung ist nötig?

Um den Abbau von Muskulatur gezielt zu verhindern, ist körperliche Aktivität und speziell Krafttraining unbedingt notwendig. Untersuchungen haben sich mit der notwendigen Menge und Intensität befasst. „Etwa je 30 bis 50 kräftige Kontraktionen – 60 bis 70 Prozent der Maximalkraft – pro großer Muskelgruppe, beispielsweise mit Beinpresse, Beinstrecker, Bankdrücken und Rudern, an zwei Tagen pro Woche ist als Minimaldosis ausreichend, um ab einer beginnenden Sarkopenie das Muskelsystem zu stabilisieren.

Wer mehr erreichen will, muss über die Minimaldosis hinausgehen“, erklärt Prof. Gehlert. Dabei sind zwei Trainingsmodi denkbar. Entweder wird mit höheren Gewichten gearbeitet, weil das zu einer schnellen Aktivierung der Typ-II-Muskelfasern führt, die für die schnelle Kraftentfaltung, also beispielsweise zur Sturzprophylaxe, notwendig sind. Oder es wird mit einer hohen Wiederholungszahl bis zur Muskelerschöpfung trainiert. Welcher Ansatz besser ist, muss individuell entschieden werden. Wichtig ist jedoch, dass der Trainingsreiz hoch sein muss, damit die Muskulatur mechanisch ausreichend stimuliert wird, um auch mit einer starken Zunahme der Proteinsynthese, Myokinausschüttung und Hormonsekretion (3) zu reagieren:

„Die Betroffenen müssen sich richtig anstrengen und sollten auch schwitzen“, ordnet Prof. Gehlert die Vorgaben praktisch ein. Alltagsbewegung allein liefert nicht die notwendigen Reize für die Muskulatur. Daher gehen andere Empfehlungen auch von bis dreimal pro Woche mit jeweils 80 Kontraktionen aus. Aufgrund der interindividuellen Variabilität sind konkrete Angaben schwierig, die für alle Menschen gelten. Ein ergänzendes intensives Ausdauertraining pro Woche verbessert zusätzlich die Kapillarisierung, wodurch die Satellitenzellen und Hypertrophie insbesondere in Typ-II-Muskelfasern sensibler auf das Krafttraining reagieren und die Infrastruktur für die Aufnahme der Aminosäuren aus der Nahrung verbessert wird (6).

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