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Fortsetzung Leistenschmerzen im Leistungssport: Ursachen, Prävention, Therapie

Doch hier wirken große Kräfte und der Spieler muss über die neuromuskulären Kapazitäten verfügen, um diese kontrollieren zu können«, erklärt Prof. Reuter. Beim letzten Schritt wird der Richtungswechsel dann vollzogen. Im Optimalfall wird der Rumpf in die vom Athleten gewünschte Richtung gedreht und geneigt, der Fuß wird relativ weit nach außen gesetzt und das Knie bleibt möglichst steif, um schnell Energie gewinnen zu können. »Dabei kollidiert der Wunsch nach einem schnellen Richtungswechsel, der für das Spiel wichtig ist, mit dem Wunsch nach einem möglichst gesunden Bewegungsablauf. Der schnelle Richtungswechsel ist schädlicher, die gesunde Variante aber langsamer. Wir können von einem Top-Spieler nicht verlangen, gemütlich um die Kurve zu laufen, damit er sich nicht verletzt. Wir möchten vielmehr den Athleten widerstandsfähig und robust machen und sein individuelles Bewegungsverhalten biomechanisch optimieren, damit die Beschwerden nicht mehr auftreten«, erläutert Prof. Reuter sein Vorgehen.

Holistischer statt reduktionistischer Trainingsansatz

Grundlage dafür ist natürlich eine gute Eingangsdiagnostik, um Beschwerden und Verletzungen, die eine andere Therapie benötigen, nicht zu übersehen. Fallen die bestehenden Beschwerden in die Adduktor-, Iliopsoas- und/oder Schambein-assoziierte Kategorie, so muss es das mittelfristige Ziel sein, die gesamte auf- bzw. absteigende Bewegungskette in ihrem Zusammenspiel zu optimieren, weil an einem Richtungswechsel eine Vielzahl von Muskeln beteiligt ist. Prof. Reuter beobachtet, dass man sich in der Therapie häufig nur auf die isolierte Kräftigung einzelner Muskeln konzen­triert: »Das klassische Adduktorentraining ist auf jeden Fall nicht verkehrt, aber ich empfinde den Ansatz als zu reduktionistisch. Aus Studien weiß man, dass der Transfer von isoliert geübten Bewegungen in den Alltag oder die sportliche Aktivität nicht gut funktioniert«, betont er. Deswegen setzt er in der Zusammenarbeit mit betroffenen Athletinnen und Athleten darauf, intersegmentale Koordinationsmuster und das Zusammenspiel zwischen unterer und oberer Extremität über die Beckenverbindung zu verbessern. »Häufig reicht die auf diese Weise verbesserte muskuläre Kapazität aus, um das System zu stabilisieren und die Beschwerden in den Griff zu bekommen.« Bisher liegen zu diesem Vorgehen nur wenige Untersuchungen vor. Belastbare Zahlen gibt es daher dazu noch nicht.

Adduktorenkraft als Prädiktor für Leistenschmerzen

Hingegen wurde bereits untersucht, dass die Kräftigung der Adduktoren, beispielsweise im Rahmen des Programms zur Verletzungsprävention FIFA 11+, zwar gering ausfällt, aber deutlich verbessert werden kann, wenn die Copenhagen Adductor Exercise in das Aufwärmprogramm integriert wird (2). Interessant ist auch die Möglichkeit, drohende Leistenbeschwerden noch vor deren Auftreten prognostizieren zu können. Einige Untersuchungen zeigen, dass ein regelmäßiges Monitoring der Adduktorenkraft dabei helfen könnte, der Entwicklung von Leistenschmerzen entgegenzuwirken. Zum einen scheint das Verhältnis von Adduktor- zu Abduktorkraft prädiktiven Wert zu besitzen und Spieler mit erhöhtem Risiko für eine Leistenverletzung identifizieren zu können (5). Zum anderen scheint die Adduktorenkraft bereits vor dem Auftreten von Leistenschmerzen messbar nachzulassen (4). (Weiter im Text auf der nächsten Seite)

Prof. Dr. Sven Reuter, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Physiotherapeut, Mannschaftsarzt des deutschen Leichtathletik- Mehrkampfteams
Prof. Dr. Sven Reuter, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Physiotherapeut und Professor für Therapie­wissenschaften an der SRH Hochschule für Gesundheit am Campus Stuttgart. © Reuter