Ketogene Ernährung und Leistung: Wie viel Power steckt im Fettstoffwechsel?
Ketogene Ernährung erlebt seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Was ursprünglich als therapeutischer Ansatz für die Epilepsiebehandlung etabliert wurde, findet sich heute gleichermaßen in sportlichen Kontexten, in der Prävention metabolischer Erkrankungen und in populären Ernährungstrends wieder. Insbesondere bei Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes wird die drastische Reduktion der Kohlenhydratzufuhr häufig als effektive Strategie zur Verbesserung des Glukosestoffwechsels diskutiert (5). Gleichzeitig versprechen sich Athleten durch eine gesteigerte Fettoxidation Vorteile hinsichtlich Energieverfügbarkeit und Ausdauerleistung (1, 4).
Doch zwischen klinischer Anwendung und leistungsphysiologischer Realität besteht ein großer Unterschied. Während sich metabolische Parameter wie Insulinsensitivität und Körpergewicht unter ketogener Ernährung in bestimmten Populationen durchaus verbessern können (5), ist der Nutzen für die körperliche Leistungsfähigkeit uneinheitlich belegt. Parallel dazu zeigen sich potenzielle Risiken und Nebenwirkungen, die eine differenzierte Betrachtung erforderlich machen (2).
Hinzu kommt eine begriffliche Unschärfe: Ketogene Ernährung beschreibt eine Ernährungsform mit stark reduzierter Kohlenhydratzufuhr, während Ketose einen metabolischen Zustand darstellt, in dem der Organismus Ketonkörper wie β-Hydroxybutyrat als alternative Energiequelle nutzt. Dieser Zustand kann nicht nur durch Ernährung, sondern auch durch Fasten oder körperliche Aktivität erreicht werden (7, 8).

Ketose: Mehr als eine Diät – ein metabolischer Schalter
Die Fähigkeit des menschlichen Körpers, zwischen verschiedenen Energiequellen zu wechseln, ist tief evolutionär verankert. In Phasen limitierter Kohlenhydratverfügbarkeit – etwa während längerer Fastenperioden oder saisonaler Schwankungen – sichert die Bildung von Ketonkörpern in der Leber (Ketogenese) die Energieversorgung, insbesondere des Gehirns. Ketose ist damit ein physiologischer Anpassungsmechanismus (7).
Gleichzeitig bleibt Glukose essenziell. Wie Juliane Heydenreich, Professorin für Experimentelle Sporternährung an der Universität Leipzig, betont, benötigt das Gehirn unter physiologischen Bedingungen etwa 120 g Glukose pro Tag. Bei Glukoseknappheit kann das Gehirn zwar Ketonkörper zur Energiegewinnung nutzen, doch wird der Bedarf nicht vollständig darüber gedeckt. Ergänzend wird über die Neubildung von Glukose aus verschiedenen Substraten (Glukoneogenese) Energie bereitgestellt. Ketose bedeutet daher keine Abkehr vom Glukosestoffwechsel, sondern eine Verschiebung der Substratnutzung.

Biochemisch entsteht dieser Zustand bei niedrigen Insulinspiegeln und erhöhter Lipolyse. Die Leber baut freie Fettsäuren über β-Oxidation zu Acetyl-CoA ab und wandelt sie schließlich zu Ketonkörpern um, vor allem zu Acetoacetat und β-Hydroxybutyrat. Letzteres versorgt als zirkulierender Energieträger periphere Gewebe wie Herz, Skelettmuskel und Gehirn (7).
Entscheidend ist jedoch: Ketonkörper sind nicht nur Substrate, sondern auch Signalmoleküle. »Man weiß, dass Ketonkörper als Liganden für G-Protein-gekoppelte Rezeptoren wirken und intrazelluläre Signalwege anstoßen können«, erklärt Dr. Christian Brinkmann, Professor für Fitness und Gesundheit an der Düsseldorfer IST Hochschule und Leiter der Arbeitsgruppe »Integrative und experimentelle Sport- und Bewegungstherapie bei Diabetes mellitus und Adipositas« an der Deutschen Sporthochschule Köln. »Eine mögliche Wirkung ist die Hemmung entzündlicher Prozesse über das NLRP3-Inflammasom. Zudem wirkt β-Hydroxybutyrat als Inhibitor von Histondeacetylasen und beeinflusst so die Genexpression.« Betroffen sind dabei unter anderem Prozesse von antioxidativer Abwehr, Autophagie und Zellreparatur (7).

Damit erweitert sich das Verständnis von Ketose: Sie ist nicht nur eine alternative Form der Energiebereitstellung, sondern ein regulatorischer Zustand mit potenziellen förderlichen Effekten auf Entzündung, Zellschutz und metabolische Gesundheit (7).
Gleichzeitig entsteht Ketose nicht ausschließlich durch Ernährung. Auch Fasten und körperliche Aktivität lösen einen Anstieg von Ketonkörpern aus. Bewegung wirkt dabei als physiologischer Stimulus, der die mitochondriale Aktivität erhöht und metabolische Anpassungsprozesse initiiert. In experimentellen Modellen ist ein Anstieg von β-Hydroxybutyrat mit Verbesserungen des Lipidstoffwechsels sowie mit antiatherogenen Effekten assoziiert (8).
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Ketose ist kein statischer Zielzustand, sondern Teil eines dynamischen Anpassungssystems.
Doch nicht jede kohlenhydratreduzierte Ernährung führt zwangsläufig zu einer relevanten Ketose. In der Praxis wird häufig eine Zufuhr von unter ca. 50 g Kohlenhydraten pro Tag als Schwelle genannt, um ernährungsinduzierte Ketonkörperspiegel zu erreichen (4). Ob dieser Zustand tatsächlich eintritt, hängt jedoch wesentlich von Faktoren wie Energiezufuhr, Insulinsensitivität und körperlicher Aktivität ab. Damit wird ein essenzieller Unterschied deutlich: Eine Reduktion der Kohlenhydratzufuhr kann zwar zur Gewichtsabnahme beitragen, führt jedoch nicht automatisch zu den spezifischen Ketose-Effekten. Diese sind insbesondere an das Vorhandensein erhöhter Ketonkörperspiegel gebunden (5, 7).
Gleichzeitig kann Ketose auch unabhängig von einer strikt ketogenen Ernährung entstehen – etwa durch Fasten oder körperliche Aktivität. Entscheidend ist daher weniger die dauerhafte Vermeidung eines Substrats als vielmehr die Fähigkeit, entsprechende metabolische Zustände situativ zu erreichen (7, 8).
Leistungsphysiologie: Fett gegen Kohlenhydrate – ein ungleicher Wettbewerb
Die gesteigerte Fettoxidation gilt als zentrales Argument für ketogene Ernährungsstrategien im Sport. Tatsächlich passt sich der Stoffwechsel bereits innerhalb weniger Wochen an: Die Fettverbrennung steigt deutlich an, während die Kohlenhydratoxidation zurückgeht (4).
Entscheidend ist jedoch nicht die Menge an verfügbarer Energie, sondern die Geschwindigkeit ihrer Bereitstellung. »Fett ist ein langsamer Energieträger«, erklärt Prof. Heydenreich. »Für niedrige Intensitäten ist das ausreichend – für hohe Intensitäten nicht.« Der Grund ist biochemisch klar: Aus Fettsäuren wird ATP langsamer und unter größerem Sauerstoffeinsatz gebildet als aus Glukose.
Damit entsteht ein funktioneller Zielkonflikt. Die Anpassung an eine vermehrte Fettverbrennung geht mit einer reduzierten Kapazität des Kohlenhydratstoffwechsels einher. Prof. Daniel König, Leiter der Abteilung Ernährung, Bewegung und Gesundheit im Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Wien, beschreibt diese Verschiebung deutlich: »Wenn wir den Fettstoffwechsel maximieren, geht das nicht ohne Konsequenzen für den Kohlenhydratstoffwechsel.« Diese zeigen sich vor allem bei intensiven Belastungen. Sprints, Tempowechsel oder Endphasen im Ausdauersport sind auf schnelle Energieverfügbarkeit angewiesen – und genau hier liegt die Stärke des Kohlenhydratstoffwechsels. Entsprechend zeigen Studien trotz erhöhter Fettoxidation keine Leistungsverbesserung, sondern teilweise sogar Leistungseinbußen unter ketogener Ernährung (1, 4).

Damit rückt ein zentraler Begriff in den Fokus: metabolische Flexibilität. Sie beschreibt die Fähigkeit, je nach Belastungssituation zwischen Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel zu wechseln. »Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch die Optimierung eines Systems, sondern durch das Zusammenspiel beider«, so Prof. Heydenreich.
Entscheidend ist dabei, dass diese Flexibilität in beide Richtungen verloren gehen kann. Strikt ketogene Ernährung reduziert die Fähigkeit, Kohlenhydrate schnell zu nutzen. Umgekehrt kann eine dauerhaft kohlenhydratlastige Ernährung die Fettverbrennung limitieren, da hohe Insulinspiegel die Lipolyse hemmen.
Für Athleten hat diese Einschränkung direkte Konsequenzen. »In den meisten Sportarten – abgesehen vom Ultraausdauersport – entscheiden Phasen hoher Intensität über die Leistung«, betont Prof. König, »und genau dafür brauchen wir Kohlenhydrate.« Eine einseitige Verschiebung des Stoffwechsels kann hier zum limitierenden Faktor werden.
Gleichzeitig ist diese Bewertung kontextabhängig. Während im Leistungssport maximale Leistungsfähigkeit im Vordergrund steht, verfolgt die Medizin bei Übergewicht, Insulinresistenz oder Typ-2-Diabetes andere Ziele. Hier kann eine verstärkte Fettverbrennung zur Verbesserung der metabolischen Kontrolle beitragen – auch wenn sie im Hochintensitätsbereich funktionelle Einschränkungen mit sich bringt (5).
Gesteigerte Fettoxidation ist also eine klare Anpassung – aber kein automatischer Vorteil. Entscheidend ist nicht, welches Substrat bevorzugt genutzt wird, sondern wie flexibel der Organismus zwischen ihnen wechseln kann.
Ohne Training kein Nutzen: Warum Bewegung der entscheidende Co-Faktor ist
Ketose ist kein Trainingsersatz. Zwar kann ketogene Ernährung die Bildung von Ketonkörpern fördern, doch lassen sich ähnliche metabolische Effekte auch durch körperliche Aktivität erreichen, denn Bewegung erhöht die mitochondriale Aktivität, steigert die Fettoxidation und führt ebenfalls zu einem Anstieg von β-Hydroxybutyrat (8). Der entscheidende Unterschied: Training verbessert gleichzeitig die Kapazität beider Energiesysteme.
Während ketogene Ernährung primär die Fettverbrennung trainiert, erhöht körperliche Aktivität zusätzlich die Fähigkeit, Glukose effizient aufzunehmen und zu verwerten. Gerade im klinischen Kontext ist dieser Unterschied maßgebend. Bei Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes etwa verbessert Bewegung direkt die insulinunabhängige Glukoseaufnahme im Muskel – ein akut nachweisbarer und klinisch relevanter Effekt. Ketogene Ernährung kann den Glukosestoffwechsel entlasten, ersetzt jedoch nicht diesen trainingsinduzierten Mechanismus (5). Prof. König hebt hervor, dass Training ein zentraler Stimulus für metabolische Anpassungen ist, während Ernährung diese Prozesse moduliert.
Damit wird ein häufiges Missverständnis deutlich: Erhöhte Fettoxidation ist nicht gleichbedeutend mit besserer metabolischer Gesundheit – wichtig ist die Fähigkeit, zwischen Substraten zu wechseln. Prof. Brinkmann formuliert es entsprechend: »Metabolische Flexibilität entsteht durch das Zusammenspiel von Belastung und Nährstoffsituation – nicht durch die einseitige dauerhafte Restriktion eines Substrats.«
Ernährungsqualität und Nachhaltigkeit: mehr als nur Makronährstoffe
Neben den leistungsphysiologischen und metabolischen Effekten ketogener Ernährung stellt sich eine weitere praktische Frage: Wie nachhaltig und ausgewogen ist sie im Alltag? Alle drei Experten weisen darauf hin, dass eine langfristige Umsetzung mit Herausforderungen verbunden ist. Insbesondere die sehr geringe Kohlenhydratzufuhr schränkt die Lebensmittelauswahl deutlich ein und liefert ggf. in Summe zu wenig Ballaststoffe, Mikronährstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe (2). »Die Qualität der Ernährung wird oft unterschätzt«, betont Prof. König. »Es geht nicht nur um Makronährstoffe, sondern um die Gesamtzusammensetzung.« Auch Prof. Heydenreich sieht hier einen essenziellen Aspekt: »Eine dauerhaft sehr einseitige Ernährung ist selten optimal – unabhängig davon, in welche Richtung sie geht.« Hinzu kommt die Frage der langfristigen Adhärenz. Strikte Ernährungsformen lassen sich im Alltag häufig nur schwer aufrechterhalten – ein möglicher Grund dafür, dass initiale Vorteile in Langzeitstudien oft nicht bestehen bleiben (2, 5).
Ein evolutorischer Blick unterstützt diese Einordnung: Ketogene Ernährung und Ketose waren vermutlich nie als Dauerzustand vorgesehen, sondern als temporäre Anpassung an Phasen geringer Energieverfügbarkeit. Perioden niedriger Kohlenhydratzufuhr wechselten sich mit Phasen höherer Verfügbarkeit ab. Und wieder einmal zeigt sich, dass der menschliche Stoffwechsel noch immer eher nach frühmenschlichen als nach modernen Lebensbedingungen funktioniert.
■ Hutterer C
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Quellen:
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