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Fortsetzung Der kolumbianische Tour de France-Sieger Egan Bernal: Sportphysiologische Hintergründe

Die erfolgreichen Ausdauersportler in Kolumbien stammen meistens aus den Hochlagen. Egan Bernal wurde in Bogotá geboren und lebt in Zipaquirá, einer Stadt auf gleicher Höhe etwa 40km südlich von Bogotá. Sein Vater war bereits Amateurradsportler, er selbst bekam mit fünf Jahren sein erstes Rad. Die Bedingungen ähneln also denen in Kenia und Äthiopien, wo die Kinder im Gebirge leben (allerdings meist unter 2500m) und regelmäßig auf dem Schulweg trainieren.

Für die Höhenanpassung spielen genetische Änderungen eine wichtige Rolle (1). Die Indianer erreichten vor etwa 10000 Jahren das Gebiet von Bogotá und hatten damit Zeit für die Zunahme von Allelen, die vorteilhaft in Hypoxie sind. Der Stamm der Muisca lebte in zwei Fürstentümern und hätte wohl ohne die spanischen Eroberungen nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492 ein ähnliches Großreich wie in Mexiko (Azteken) oder Peru (Inkas) gegründet.

Die Muisca hinterließen Unmengen von Kunstwerken und Schmuckstücken aus Gold, einiges kann man im „Museo de Oro“ in Bogotá bewundern. Die Gerüchte vom „Eldorado“ (ursprünglich der Vergoldete, ein mit Goldstaub geschmückter Mann, dann aber als Goldland interpretiert, da im Spanischen das Wort doppeldeutig ist) lockten im Jahr 1538 gleich drei Konquistadoren (Eroberer) an: Zunächst erreichte Jimenez de Quesada die Hochebene, der deshalb der Gründer der spanischen Stadt Bogotá wurde, dann Sebastian de Belalcazar, schließlich der Deutsche Nikolaus Federmann, Feldhauptmann der Kolonie Venezuela, die anfänglich den Welsern in Augsburg als Belohnung für Kredite an die Habsburger zugesprochen war.

Demzufolge ist heutzutage ist die Bevölkerung stark mit überwiegend männlichen Einwanderern aus Spanien durchmischt (7), aber die bereits vorhandenen, in der Höhe vorteilhaften Allele verbreiten sich auch bei Neuankömmlingen. Die Nachkommen von Weißen und Indianern (Mestizen) leben vor allem im Hochland von Kolumbien. Da offensichtlich wenig Frauen den Konquistadoren folgten, stammen die mitochondrialen Gene überwiegend von Indianerinnen (10). Dies dürfte von zusätzlicher Bedeutung für die Hypoxieanpassung sein, da in den Mitochondrien die aerobe Adenosintriphosphatsynthese erfolgt. Egan Bernal sieht sehr indianisch aus, eine Genanalyse könnte abklären, welche leistungsrelevanten Allele aus dieser Gruppe er besitzt. (Weiter im Text auf der nächsten Seite)