Das Hängetrauma im Klettersport

Das Hängetrauma im Klettersport
© Andreas P / Adobe Stock

Klettern, Bergsteigen und verwandte seilgesicherte Freizeitaktivitäten werden immer beliebter. Umso wichtiger ist es, dass sich Sportmediziner auch auf die damit einhergehenden Verletzungen einstellen. Hängetraumen etwa sind zwar im Klettersport seit Einführung des Sitzgurts seltener geworden, können aber dramatische Folgen haben. Ein multinationales Forschungsteam hat in einer Übersichtsarbeit insgesamt 23 Studien zum Thema ‚Hängetrauma‘ untersucht und daraus Expertenempfehlungen für die Vorbeugung, Diagnose und Erste Hilfe abgeleitet (3).

Was ist ein Hängetrauma?

Unter Hängetrauma, auch Suspensionstrauma genannt, versteht man ein durch freies passives Hängen in vertikaler oder nahezu vertikaler Position ausgelöstes, potenziell letales Herz-Kreislauf-Ereignis mit Synkope. Da es definitionsgemäß keine Verletzung, sondern ein durch generalisierte Hypoperfusion bedingtes Multiorganversagen ist, haben sich inzwischen auch begrifflich korrektere Bezeichnungen wie Suspensionssyndrom oder harness hang syncope eingebürgert (1, 3).

Eine verbreitete frühere Hypothese ging davon aus, dass sich wegen der venösen Blutansammlung in den frei hängenden Gliedmaßen die Herzvorbelastung verringert und es dadurch zu sinkendem Herzzeitvolumen sowie minderdurchblutetem Gewebe kommt – mit allen bekannten kardiovaskulären Konsequenzen. Experimente mit Gurtsystemen zeigten jedoch, dass das venöse Pooling keine signifikanten Auswirkungen auf systemische hämodynamische Parameter (z. B. Herzfrequenz, Blutdruck, Schlagvolumen) hatte, bis plötzlich eine neurokardiogene Synkope eintrat. Der genaue Mechanismus und die Rolle des orthostatischen Stresses sind weiterhin unbekannt.

Eine neuere Hypothese schreibt neurokardiogenen Mechanismen eine entscheidende Rolle zu, die Herzfrequenz, Blutdruck und Schlagvolumen plötzlich absinken lassen. Die daraus resultierende verminderte Sauerstoffversorgung des Gehirns verursacht dann Symptome wie Schwindel, Benommenheit und Übelkeit bis hin zu Bewusstlosigkeit (3).

Nach einer Synkope ohne Sturzvorgeschichte kommt die zerebrale Durchblutung bei Lagerung in der Horizontale schnell wieder in Gang. Hängt die Person jedoch bewegungslos mit dem Gurt als höchstem Punkt, ist der Rückfluss von Blut aus Armen und Beinen unmöglich und die Minderperfusion wird nicht vollständig aufgehoben. Zusätzlich kann eine Hyperflexion oder Hyperextension des Halses durch die Atemwegsverlegung gefährlich werden, ebenso wie eine Hyperkaliämie oder Nierenversagen durch multifaktorielle Rhabdomyolyse. Wie schnell es dann zu Bewusstlosigkeit und potenziell letalen Organschäden kommt, ist interindividuell höchst unterschiedlich. Eine weitere Komplikation sind Muskelzellnekrosen in den Beinen, ausgelöst durch den Blutstau und oft auch durch Hypothermie infolge verzweifelter Selbstrettungsversuche (1, 3).

Erste Hilfe und Weiterbehandlung bei Suspensionssyndromen

Hängt eine Person hilflos im Gurt, muss sie selbstverständlich so schnell wie möglich befreit werden. Entgegen irreführender früherer Empfehlungen, den Gurt keinesfalls zu öffnen, kann dieser ohne Weiteres abgenommen werden, ggf. durch einen weiteren Helfer – aber nur, wenn dadurch keine wertvolle Zeit verloren geht. Die teils noch kursierende pauschale Vermeidung einer liegenden Patientenlagerung beruhte lediglich auf einzelnen Expertenmeinungen und ist ebenfalls veraltet (2).

Bestehen reversible Ursachen für einen Herzstillstand wie Hypokaliämie, Hypoxie, Unterkühlung oder eine Lungenembolie, sind sofort entsprechende medikamentöse und physikalische Maßnahmen gemäß der Standard-ALS-Protokolle einzuleiten. Hier ist vor allem auf Anzeichen einer Präsynkope zu achten, also Benommenheit, Schwindel, Verwirrtheit, blasse Haut, kalter Schweiß, Hitze-/Kältewallungen, verschwommenes Sehen, Übelkeit und Bradykardie. Sobald der Patient stabil und im Krankenhaus angekommen ist, geben weitere organspezifische Untersuchen und Blutanalysen (u. a. Leber-/Nierenfunktionswerte, Kreatinkinase, Myoglobin, Blutgase) Aufschluss darüber, ob etwa Verletzungen der inneren Organe oder eine Rhabdomyolyse bestehen (3).

Prävention von Hängetraumen

Um Hängetraumen vorzubeugen, sollten grundsätzlich gut angepasste, nicht einschnürende Sitzgurte zum Einsatz kommen, mit denen auch das Hängen vorab schon getestet wurde. Das Klettern in dehydriertem, hypoglykämischem, oder überanstrengtem Zustand ist zu vermeiden. Nach einem Sturz ins Seil oder in den Gurt sollte die hängende Person, sofern sie bei Bewusstsein ist, so lange wie möglich ihre Beine bewegen, um die Bein-Muskelpumpe zu aktivieren und so gefährlichen Blutrückstau zu verhindern. Als hilfreich hat sich dabei das Drücken gegen einen Widerstand erwiesen, der nahes Gestein, andere Menschen oder eine angeclipste Gurtschlinge. Anwesende Begleitpersonen können hier motivierend auf den Verunglückten einwirken, bis eine Bergung möglich wird.

■ Kura L

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Quellen:

  1. Lechner R, Staps E, Brugger H, Rauch S. Rettungsdienstliche Strategie beim Hängetrauma. 2019; 8: 112-120. doi:10.1055/a-0796-0151

  2. Mortimer RB, Zafren K. Evidence-Based Versus Myth-Based Treatment of Suspension Syndrome. Wilderness & Environmental Medicine. 2020; 31: 202-203. doi:10.1016/j.wem.2020.04.004

  3. Rauch S, Lechner R, Strapazzon G, Mortimer RB, Ellerton J, Skaiaa SC, Huber T, Brugger H, Pasquier M, Paal P. Suspension syndrome: a scoping review and recommendations from the International Commission for Mountain Emergency Medicine (ICAR MEDCOM). Scand J Trauma Resusc Emerg Med. 2023; 31: 95. doi:10.1186/s13049-023-01164-z