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Operieren wir zu viel?

Editorial von Prof. Dr. Philip Kasten aus der Ausgabe 2/2019 der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin (DZSM). Der Beitrag thematisiert die Häufigkeit von Operationsindikationen.

Operieren wir zu viel?
© Kzenon/fotolia

Derzeit wird uns Orthopäden und Unfallchirurgen in der Presse vorgehalten, dass wir zu viel und nicht mit der korrekten Indikationsstellung operieren würden. Dabei werden wir unter den Generalverdacht gestellt, dass wir wissenschaftlich nicht begründet und womöglich aus pekuniären Gründen das Indikationsspektrum überziehen würden.

Es werden In diesem Zusammenhang auffällige Fallzahlsteigerungen zitiert, die sich nicht mit der demographischen Entwicklung begründen lassen. Laut einem Spiegel Artikel seien die Operationszahlen mit einer subakromialen Dekompression (SAD) beim Impingement-Syndrom der Schulter signifikant von 2008 bis 2015 um 30 Prozent angestiegen. Hier ergibt eine genauere Analyse ein ganz anderes Bild: Die SAD ist häufig nicht der alleinige Eingriff, sondern erfolgt lediglich begleitend z. B. bei der Naht einer gerissenen Schultersehne bzw. bei Kalkentfernung. Die Zahlen des statistischen Bundesamtes zeigen eine Abnahme der stationären SAD gesamt (offen/arthroskopisch) von 2010 bis 2017: 104.894 (19.998/84.896) zu 102.062 (12.086/89.976) – fast drei Prozent weniger.

Ökonomisierung der Medizin

In den letzten 20-30 Jahren wurden zahlreiche Maßnahmen zur Dämpfung und Reduktion der Gesundheitskosten von den Kostenträgern und der Politik ergriffen: Beispielhaft seien die Budgetierung der ambulanten Behandlungsfälle und die Einführung der DRGs im stationären Bereich genannt. Dies hat zu einer spürbaren Ökonomisierung unserer Medizin geführt. Unser System fördert, dass über eine Fallzahlsteigerung der Erlös für das Krankenhaus gesteigert wird.

Chefärzte berichten im persönlichen Gespräch, dass sie sich einem starken Druck ausgesetzt fühlen, ökonomische Ziele zu erreichen, wobei sie wichtige Rahmenbedingungen wie z. B. Ihren Personalschlüssel nicht immer beeinflussen können. Dies bedeutet, dass sich unser Anspruch, unseren Patienten immer die optimale Behandlung anzubieten, in einzelnen Fällen nicht mit dem Wunsch des Krankenhausträgers nach Erlössteigerung in Deckung bringen lässt. Hier ist unser innerer Kompass gefordert, weiterhin das Beste für unsere Patienten
zu tun!

Philip Kasten
Prof. Dr. med. Philip Kasten, Orthopädisch Chirurgisches Centrum (OCC) Tübingen © Kasten