Knieschmerzen beim Radfahren: Ursachen, Behandlung, Prävention
Freizeitradfahren boomt: Seit 2010 hat sich die Zahl der deutschen Jedermann-Rennen mehr als verdoppelt. Viele Radfans, oft im mittleren Alter, kaufen sich ein edles Renn- oder Gravelbike, ziehen das Trainingspensum schnell an – und tauchen dann mit Knieschmerzen in den Sprechstunden von Orthopäden und Physiotherapeuten auf.
Übersichtsarbeiten listen das Knie, gleich nach dem Nacken, als häufigste Stelle für Überlastungsprobleme auf; 40 bis 60 Prozent der Freizeitradfahrer berichten über Knieschmerzen, am häufigsten vorne (anterior) und seitlich (lateral) (3, 5). Weil radbedingte Beschwerden selten zu einem vollständigen Trainingsstopp führen, aber Leistung kosten und Arztbesuche auslösen, lohnt ein genauer Blick auf ihre Ursachen – und auf wirksame Strategien zur Behandlung und Prävention.
Im Radlabor Frankfurt, einem Bike-Fitting-Zentrum, liegt das Durchschnittsalter der Klienten bei 40 bis 50 Jahren. »Die überwiegende Mehrheit stellt sich erst vor, wenn Beschwerden das geplante Saison-Highlight gefährden«, erzählt die Sportwissenschaftlerin und Leiterin des Radlabors Nele Nieschlag.

Knieschmerzen sind das Ergebnis vieler kleiner Fehler
Große Querschnittsstudien zeigen, dass zwei Diagnosen rund zwei Drittel aller radbedingten Knieschmerzen ausmachen – das patellofemorale Schmerzsyndrom (PFPS) und das Iliotibialbandsyndrom (ITBS) (5). In der SAFER-XXXIII-Kohorte mit knapp 60 000 Hobbyradlern war PFPS bei Männern wie Frauen die führende Einzeldiagnose und korrelierte signifikant mit einer raschen Steigerung des Trainingsumfangs sowie einer falschen Sattelhöhe (5). Die Knieschmerzen entstehen selten durch einen einzelnen Fehler, sondern durch das Zusammenwirken mehrerer Belastungs- und Bewegungsfaktoren: Sattelhöhe und -versatz, Kurbellänge, Winkel der Klickpedale (Cleat-Winkel), Trittfrequenz (Kadenz) und Leistung entscheiden in ihrer Kombination über das Verletzungsrisiko (9). Für die biomechanische Entstehung eines PFPS oder ITBS gibt es detaillierte Beschreibungen (siehe Kasten weiter unten) (4, 6, 11, 12, 13).
»Typisch ist eine hohe Wiederholungszahl, lokal erhöhte Gelenk- oder Bandbelastung durch ein falsch eingestelltes Rad (z. B. Sattelhöhe, Cleat-Winkel) und schwache muskuläre Kontrolle. Werden diese Faktoren früh erkannt und korrigiert, lässt sich der Schmerz in überschaubarer Zeit lindern und ein Wiederauftreten meist verhindern«, erklärt der Sportphysiotherapeut und Sportosteopath Jörg Mayer aus München. »Ebenso kommen strukturelle und funktionelle Ursachen in Frage. Auch Traumafolgen müssen berücksichtigt werden. Sie spielen in bis zu 30 Prozent der Fälle eine Rolle, ergänzt Dr. Milan Wolf, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Mitarbeiter des OrthoKineCheck-Bewegungsanalyselabors am Universitätsklinikum des Saarlandes.

Drei Stellschrauben bei Knieschmerzen: Sattel – Pedale – Fahrtechnik
Kraft, Weg und Winkel am Knie lassen sich beim Pedalieren fast vollständig durch drei Stellschrauben beeinflussen: Sattel, Pedal-/Schuhsystem und Fahrtechnik. Schon wenige Millimeter Versatz können die Gelenkbelastung deutlich verschieben.
• Sattelhöhe und -rückversatz
Liegt der Sattel fünf Prozent zu tief, steigt die maximale Knieflexion über 90 Grad und der Gelenkdruck nimmt um rund 30 Prozent zu (13). Ein zu hoher Sattel kippt das Becken und das Knie driftet nach innen. Zehn Millimeter zusätzlicher Setback erhöhen die ITB-Belastung um bis zu 15 Prozent (11). Optimal ist ein Reststreckwinkel von 25 bis 35 Grad in der tiefsten Pedalposition.
• Cleat-Winkel, Q-Faktor und Kurbellänge
Falsch ausgerichtete Cleats (Klickpedale) erzeugen Rotationskräfte, die vor allem auf das laterale Knie wirken. In Bike-Fitting-Zentren analysieren Profis daher zunächst Gangbild und Beinachse, bevor die Schuhplatten eingestellt werden. Bei Frauen sorgt ein im Schnitt drei Zentimeter breiteres Becken für einen größeren Q-Winkel. Dieser Winkel beschreibt die Stellung des Oberschenkelmuskels (M. quadriceps) im Verhältnis zur Kniescheibensehne und damit den Kraftvektor des Oberschenkelmuskels. Simulationen mit unterschiedlichen Pedalen zeigen, dass ein um 20 Millimeter erweiterter Pedalabstand die mediolaterale Kniestabilität verbessert, ohne die Effizienz zu mindern (8). Kurbellängen über 175 Millimeter steigern dagegen sowohl Spitzenmoment als auch Gelenkwinkel; für Hobbyfahrer reichen 165 bis 170 Millimeter in den meisten Fällen aus.
• Trittfrequenz und Ermüdung
Jede Umdrehung entspricht einer geschlossenen Kette: Mit sinkender Kadenz steigt die Kraft pro Schlag, während höhere Frequenzen (> 80/Minute) die Spitzenmomente senken. Eine Feldstudie zeigte nach einer Steigerung der Kadenz von 65 auf 85 Umdrehungen pro Minute rund 20 Prozent weniger Gelenkdruck (12). Bei Ermüdung nehmen mediale Knieabweichung und laterale Tibiarotation signifikant zu. Jörg Mayer weist deshalb auf die Bedeutung einer stabilen Hüft- und Rumpfmuskulatur hin.
Vom Symptom zur Lösung
Eine gründliche Anamnese klärt, ob Vorder- oder Außenknieschmerzen nach schneller Steigerung des Trainingsumfangs auftreten oder ob ein »brennender« lateraler Schmerz immer nach der gleichen Fahrstrecke einsetzt – typisch für ITBS. Funktionstests, insbesondere im Rahmen der Physiotherapie, geben Hinweise auf die zugrunde liegenden Mechanismen.
»Weicht das Knie beim Lateral Step Down oder bei Kniebeugen nach medial ab, liegt meist eine Beinachseninstabilität vor. Die Hüftbeuger sowie die Länge des Quadrizeps und deren Dehnfähigkeit untersuche ich immer«, erklärt Jörg Mayer das typische Assessment in seiner Praxis. Der nächste sinnvolle Schritt ist die Analyse des Fahrrads. »Beim Bike Fitting erfassen wir zunächst das Gangbild und die Beinlängen, dann laserbasiert Sitzhöhe, Kniewinkel und Cleat-Winkel und schließlich schauen wir mittels 2-D-Video auf der Rolle das Fahrverhalten an. Driftet beispielsweise das Knie nach innen, können wir sofort eine veränderte Sattel- und Cleat-Position testen«, erläutert Nele Nieschlag.
Bildgebende Verfahren wie MRT oder Sonografie sind nur bei atypischem Verlauf erforderlich, denn sowohl patellofemorale Knieschmerzen als auch ein ITBS lassen sich in der Regel klinisch sichern.
Therapeutisches Stufenkonzept von »Load Management« bis Orthobiologika
Die Wahl der Therapie richtet sich nach dem Beschwerdebild und den Ergebnissen der Funktionstests. »Grundsätzlich sollte nach der Ursache der Beschwerden gefahndet und diese behoben werden. Neben einer antiphlogistischen Therapie können je nach erkrankter Struktur Infiltrationen mit einem kortison- oder hyaluronhaltigen Präparat oder eine Infiltration mit plättchenreichen Plasma den Heilungsprozess unterstützen«, sagt Dr. Milan Wolf. »Auch wenn es vielen Patienten schwerfällt, kann es je nach Ausprägung der Beschwerden sinnvoll sein, bis zur Schmerzfreiheit im Alltag mit dem Radfahren zu pausieren, um eine Chronifizierung zu verhindern«, ergänzt Jörg Mayer. Dann folgt ein schrittweises Rad-Restart-Protokoll mit kurzer Dauer (z. B. 20 Minuten) bei 50 Prozent der üblichen Leistung. Die Steigerung sollte pro Woche bei maximal zehn Prozent in Umfang und Intensität liegen. Parallel sollten Kräftigungsübungen und Stretching beibehalten werden, um ein Wiederauftreten zu vermeiden.
Tabelle 1: Therapieoptionen bei Knieschmerzen © DZSM

Viele entdecken den Radsport erst jenseits der 40 und bringen wenig Technik oder sportliche Vorerfahrung mit. Das führt häufig früher oder später zu Beschwerden. Prävention besteht nicht aus einem einmaligen Bike Fitting, sondern ist ein fortwährender Prozess. Denn das Knie ist beim Radfahren zugleich Taktgeber und Warnglocke: Es reagiert sensibel auf kleinste Abweichungen im System aus Mensch, Material und Belastung. Wird daran früh geschraubt – Sitzposition präzise justieren, Umfänge klug dosieren und nicht nur das Rad, sondern auch die Muskulatur gezielt pflegen – bleibt das Gelenk glücklich, der Tritt rund und der Spaß am Kilometerzählen wird nicht mit Schmerz bezahlt.
Biomechanische Entstehungskaskade des PFPS und ITBS bei Radfahrern
PFPS: Ein tiefer Sattel vergrößert den Kniewinkel, der Quadrizeps drückt stärker auf Patella und Femur, der Gelenkdruck steigt (13). Weicht das Knie in der Druckphase medial oder lateral ab, nehmen die Scherkräfte zu. Häufige Gründe: schwache Hüftabduktoren, Fußpronation oder eingeschränkte Hüftbeweglichkeit. Studien finden bei Freizeitfahrern immer wieder eine verzögerte Aktivierung des Vastus medialis (13).
ITBS: Statt der klassischen Reibungstheorie rückt heute die Kompression eines kleinen Fettpads unter dem Tractus iliotibialis in den Fokus (6). Spitzenbelastungen entstehen bei etwa 30 Grad Knieflexion – ein Winkel, der in jedem Pedalzyklus erreicht wird. Sattelrückversatz oder seitliche Beckenkippung erhöhen die Kompression; wenige Millimeter machen hier messbare Unterschiede (11). Schwache Hüftmuskeln verstärken das Ganze weiter (4).
■ Hutterer C
Quellen:
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