Entzündungsmarker hsCRP verbessert Vorhersage des kardiovaskulären Risikos

Entzündungsmarker hsCRP verbessert Vorhersage des kardiovaskulären Risikos
KI-generiert

In der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleibt trotz moderner Diagnostik und leitlinienbasierter Behandlung ein erheblicher Anteil an unerkanntem Restrisiko bestehen. Chronische, niedriggradige Entzündungen gelten als treibende Kraft der Atherosklerose. Anders als klassische Risikofaktoren lassen sich inflammatorische Prozesse aber häufig nicht durch Blutdruck- oder Lipidkontrolle beeinflussen. Genau hier setzt die Idee an, high-sensitive CRP (hsCRP) als Marker für dieses „versteckte“ Risiko in die Routinediagnostik zu integrieren. Eine groß angelegte Kohortenstudie aus der UK Biobank hat nun den Stellenwert von hsCRP in der Primärprävention erneut in den Fokus gerückt (1).

Untersucht wurden über 448 000 Erwachsene ohne bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung (ASCVD). Bei einer Nachbeobachtungszeit von im Median fast 14 Jahren war hsCRP ein signifikanter Prädiktor für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (MACE), kardiovaskulären Tod und Gesamtmortalität. Diese Vorhersagekraft war unabhängig von klassischen Risikofaktoren wie LDL-Cholesterin, Blutdruck oder Rauchen und zeigte sich auch in niederrisikobehafteten Subgruppen.

Die Bedeutung des Entzündungsmarkers wurde nicht nur durch Hazard Ratios untermauert, die je nach hsCRP-Kategorie um bis zu 61 Prozent höhere Risiken für kardiovaskulären Tod auswiesen. Auch in methodisch aufwendigen Modellen zeigte sich eine klare Verbesserung der Risikostratifikation. Die Integration von hsCRP in den europäischen SCORE2-Risikorechner führte zu einem Netto-Verbesserungswert (Net Reclassification Improvement, NRI) von 14,1 Prozent. Das ist eine relevante Größenordnung mit Blick auf die Prävention in der Bevölkerung.

Selbst bei Personen ohne klassische Risikofaktoren (sogenannte SMuRF-less-Subgruppe) blieb hsCRP ein stabiler Prädiktor für zukünftige kardiovaskuläre Ereignisse. Eine häufig diskutierte Limitation von Biomarkern ist ihre biologische Variabilität. Die aktuellen Daten zeigen jedoch, dass hsCRP nur geringen kurzfristigen Schwankungen unterliegt und auch über mehrere Jahre hinweg stabil bleibt. In einer Teilkohorte mit Wiederholungsmessungen nach durchschnittlich 4,4 Jahren befanden sich über 70 Prozent der Personen mit hsCRP <1 mg/L weiterhin in derselben Risikokategorie. Selbst bei höheren Ausgangswerten blieb etwa die Hälfte stabil.

Besonders relevant sind dabei die etablierten Cut-off-Werte. Individuen mit hsCRP-Werten über 3 mg/L hatten ein um 34 Prozent erhöhtes Risiko für MACE und sogar ein um 61 Prozent erhöhtes Risiko für kardiovaskulären Tod und ein um 54 Prozent erhöhtes Gesamtmortalitätsrisiko im Vergleich zu Werten unter 1 mg/L. Schon ab Werten über 2 mg/L stieg das Risiko signifikant. Diese Grenzwerte stimmen mit früheren Studien überein und bieten damit eine praxisnahe Grundlage für Entscheidungen.

Auch wenn die Ergebnisse eindrucksvoll sind, bleibt die Umsetzung in der Routineversorgung bislang begrenzt. Während US-amerikanische und kanadische Leitlinien den Einsatz von hsCRP bei Personen mit intermediärem Risiko bereits empfehlen, ist die Bestimmung in europäischen Empfehlungen bisher nicht routinemäßig verankert. Die jüngste ESC-Leitlinie zu chronischen Koronarsyndromen spricht sich erstmals für eine hsCRP-Messung bei Verdacht auf KHK aus – ein erster Schritt zur breiteren Anwendung.

Dennoch ist Vorsicht geboten: Trotz großer Fallzahl und stabiler statistischer Zusammenhänge bleibt unklar, in welchem Umfang sich das individuelle Management tatsächlich verändert. Auch muss hinterfragt werden, ob eine flächendeckende hsCRP-Messung in der Primärversorgung ökonomisch vertretbar und medizinisch sinnvoll ist. Hierfür sind prospektive Interventionsstudien notwendig, die den Nutzen eines hsCRP-gesteuerten Vorgehens belegen.

Durch die medikamentöse Senkung eines erhöhten hsCRP-Wertes, zum Beispiel durch Statine oder eine gezielte Entzündungshemmung, lässt sich das kardiovaskuläre Risiko senken, wie die  JUPITER-Studie belegt (1). Auch Lebensstiländerungen wie Bewegung, Rauchstopp oder Gewichtsverlust können hsCRP reduzieren und gelten als sinnvoller Ansatz zur Risikominderung. Mehrere randomisierte Studien wie LoDoCo2, COLCOT und COPS zeigen zudem als neue medikamentöse Option, dass sich das kardiovaskuläre Risiko auch durch den Einsatz von niedrig dosiertem Colchizin senken lässt – unabhängig vom Lipidstatus. Colchizin wurde inzwischen in Europa und den USA zur Sekundärprävention nach Myokardinfarkt zugelassen (2).

■ Hutterer C

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Quellen:

  1. Kurt B, Reugels M, Schneider KM, Spiesshoefer J, Milzi A, et al. C-reactive protein and cardiovascular risk in the general population. Eur Heart J. 2025; 00: 1-12. doi:10.1093/eurheartj/ehaf937

  2. Nelson K, Fuster V, Ridker PM. Low-Dose Colchicine for Secondary Prevention of Coronary Artery Disease: JACC Review Topic of the Week. J Am Coll Cardiol. 2023 Aug 15; 82: 648-660. doi:10.1016/j.jacc.2023.05.055