Chronische Rückenschmerzen: Muskelzusammensetzung als prädiktiver Biomarker?

Chronische Rückenschmerzen: Muskelzusammensetzung als prädiktiver Biomarker?
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Chronische Rückenschmerzen (Chronic Back Pain/CBP) zählen europaweit zu den häufigsten Schmerzsyndromen. Die Beschwerden schränken nicht nur die individuelle Lebensqualität erheblich ein, sondern sind auch ein Treiber für enorme sozioökonomische Kosten. Die Ursachen für CBP sind vielschichtig; zunehmend rückt jedoch die Struktur und Qualität der paraspinalen Muskulatur in den Fokus. Deutsche Wissenschaftler haben jetzt entsprechende Daten aus der NAKO-Gesundheitsstudie ausgewertet und dabei zwei eng miteinander verknüpfte Messwerte als Schlüsselparameter identifiziert (1).

Mittels Ganzkörper-MRT und KI-gestützter Segmentierung wurden die fettfreie Muskelmasse (Lean Muscle Mass/LMM) und der Anteil von inter- sowie intramuskulärem Fettgewebe (InterMAT) von knapp 28 000 Probanden (Alter: median 49 Jahre, 44 Prozent Frauen, 22 Prozent von CBP betroffen) quantifiziert. Dabei stellte sich heraus, dass ein höherer InterMAT-Anteil signifikant mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für chronische Rückenschmerzen assoziiert ist (p < 0,0001), und zwar unabhängig von Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, BMI und weiteren Parametern. Umgekehrt zeigte eine höhere LMM signifikant protektive Effekte (p = 0,003).

Interessanterweise wurden niedrige LMM-Werte durch niedrige InterMAT-Werte ausgeglichen, während ein hoher Anteil an InterMAT nicht von höherer LMM profitierte. Auch die Schmerzintensität korrelierte unabhängig von Komorbiditäten mit niedriger LMM und erhöhtem Fettanteil. Besonders deutlich waren die Unterschiede bei Patienten mit Osteoarthritis oder Osteoporose, die zusätzlich durch eine ungünstige Muskelzusammensetzung belastet waren.

Auch die Rolle körperlicher Aktivität fiel auf: Die niedrigste CBP-Prävalenz fand sich bei moderatem Trainingsniveau (500 bis 5000 MET-min/Woche), das sich im Rahmen der WHO-Empfehlung von 150 moderaten bis intensiven Wochenminuten bewegte. Sowohl Bewegungsmangel als auch extrem hohe Aktivitätslevel erhöhten hingegen die CBP-Häufigkeit, was Hinweise auf eine U-förmige Dosis-Wirkungs-Beziehung gibt.

Das Studienteam betont, dass es sich hier um eine Querschnittsanalyse handelt und somit keine Kausalität abgeleitet werden kann. Dennoch stützt ihre Arbeit die Annahme, dass die Muskelzusammensetzung ein relevanter Marker für muskuloskelettale Gesundheit ist – nicht nur bei chronischen Rückenschmerzen, sondern auch bei degenerativen Begleiterkrankungen. Perspektivisch könnten die Anteile von LMM und InterMAT in der Rückenmuskulatur als noninvasiv zu erhebende Biomarker in multimodale Präventions- und Therapiekonzepte integriert werden. Damit ließe sich nicht nur die Diagnostik individualisieren, sondern man könnte auch gezieltere Trainingsstrategien aufbauen, etwa mit dem Ziel, LMM zu stärken und pathologische Fettinfiltration zu reduzieren.

■ Kura L

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Quellen:

  1. Ziegelmayer S, Häntze H, Mertens C, Busch F, Lemke T, et al. Intermuscular adipose tissue and lean muscle mass assessed with MRI in people with chronic back pain in Germany: a retrospective observational study. Lancet Reg Health Eur. 2025; 54: 101323. doi:10.1016/j.lanepe.2025.101323