Seite 3 / 5

Fortsetzung Cannabis – bei Sportlern beliebt: Rauschmittel, Medizin oder Doping?

Cannabis bei Sportlern

Cannabis ist bei Sportlern beliebt. Unter jugendlichen Athleten gaben zwar nur 2,7 Prozent an, Cannabis im letzten Jahr konsumiert zu haben (2), doch bei Erwachsenen ist Cannabis (30,3 Prozent) nach Alkohol (82,6 Prozent) die am häufigsten konsumierte Substanz (1) – und das, obwohl es auf der WADA-Dopingliste steht. Zum Vergleich: 2016 gaben in der Normalbevölkerung 6,9 Prozent der 12- bis 17-Jährigen und 16,8 Prozent der 18- bis 25-Jährigen den Konsum an (3). Die WADA setzt eine Substanz auf die Liste, wenn mindestens eines von drei Kriterien erfüllt ist:
1. Potenzial zur Leistungssteigerung oder nachweisbare Leistungssteigerung
2. Gesundheitsgefährdung des Athleten
3. Verletzung des Sportsgeistes

Für Cannabis gibt es keine Evidenz für eine direkte Leistungssteigerung (11). Diese könnte aber sekundär gegeben sein. Eigentlich beeinflusst Cannabis viele Prozesse negativ, die für Hochleistung notwendig sind: Es führt zu Schwindel, Benommenheit, verlangsamt die Reaktionszeit, verschlechtert die Koordination und stört das Raum- und Zeitempfinden. Gleichzeitig entspannt es jedoch die Muskulatur, wirkt in niedriger Dosis angstlösend, verstärkt impulsives Verhalten, verringert das Schmerzempfinden, erhöht die Herzfrequenz sowie die Vaso- und Broncho­dilatation.

Diese Eigenschaften könnten – einzeln oder in Kombination – Athleten dabei helfen, etwa unter Druck besser zu agieren. Die Muskelrelaxation zusammen mit erhöhter Risikobereitschaft kann außerdem in Risikosportarten unterstützend wirken. Sportler berichten davon, dass ihre Gedanken leichter fließen und (kreative) Entscheidungsprozesse besser werden. Andere beschreiben, dass sie weniger Schmerz empfinden oder diesen besser aushalten und die Konzentration sich verbessert. Auch der mit dem Konsum einhergehende tiefere Schlaf und die Eindämmung unangenehmer Gefühle können bestimmten Sportlern helfen, mit Trainingsbelastungen, Druck, Misserfolgen oder Verletzungen umzugehen (5).

Verschiedene Untersuchungen haben eruiert, in welchen Sportarten oder bei welchen Sportlern Cannabis besonders verbreitet ist. Dabei gab es teilweise ähnliche Ergebnisse, z. B. eine höhere Prävalenz in Risikosportarten und bei Männern, aber auch widersprüchliche Aussagen, z. B. bei der Frage, ob Elite- oder Freizeitsportler mehr Cannabis konsumieren. In mehreren Untersuchungen gaben Athleten an, Cannabis aus sozialen Gründen oder zur Erholung zu konsumieren. Etwa 12,5 Prozent nehmen die Substanz aus Gründen, die mit dem Sport zu tun haben, 36 Prozent sportunabhängig. Diejenigen, die Cannabis zur Steigerung ihrer sportlichen Leistung konsumieren, sind häufig auf nationaler oder internationaler Ebene aktiv und betreiben verhältnismäßig häufig Skeleton, Bobfahren und Eishockey. Doch auch im Snowboard- und Skisport, beim Tennis, Segeln und Kajakfahren scheint Cannabis nicht unüblich zu sein.
Bei Frauen steigt die Prävalenz mit dem Leistungsniveau. International aktive Frauen konsumieren häufiger als darunterliegenden Klassen. Im Altersvergleich ist die Wahrscheinlichkeit bei älteren Elite­athleten höher als bei jüngeren (1).

Nicht leistungssteigernd, aber angstlösend

Aus den oben genannten potenziell leistungssteigernden oder die Risikobereitschaft erhöhenden Gründen ist Cannabis im Wettkampf verboten. Um Athleten zu überführen, die es einsetzen, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, hat man die Grenze zum Dopingvergehen auf 150 ng/ml Urin festgesetzt. Da Abbauprodukte des THC mehrere Tage bis sogar Wochen nach dem Konsum nachgewiesen werden können, war die Abgrenzung zwischen Freizeitkonsum und Wettkampfdoping beim früheren Grenzwert von 15 ng/ml Urin schwieriger. Athleten, die ohne Dopingvorsatz hin und wieder einen Joint rauchen, werden so geschützt.

Neben dem Aspekt der Leistungssteigerung verstößt die Einnahme von Cannabis vor allem gegen das zweite und dritte Kriterium der WADA: Sie gefährdet die Gesundheit, verstößt gegen den Sportsgeist und negiert sportliche Werte wie Ethik, Fair Play und Ehrlichkeit.

Körperliche Auswirkungen und Abhängigkeit

Auch wenn die körperlichen Auswirkungen von Cannabis relativ gering sind, kann die Erhöhung von Herzschlag und Blutdruck zu Problemen führen. Es sind Fälle bekannt, in denen Cannabis Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte und vermutlich auch Schlaganfälle verursacht oder begünstigt hat. Hierzu ist vermutlich eine Disposition notwendig. Zudem scheint die Häufigkeit des Konsums von Bedeutung. Gelegenheitskonsumenten haben ein deutlich geringeres Risiko (2,3-fach erhöht) als Personen, die wöchentlich oder öfter Cannabis zu sich nehmen (4,7-fach erhöht) (10).

Cannabis besitzt ein Abhängigkeitspotenzial. Es ist jedoch deutlich geringer als bei vielen anderen Substanzen und tritt nur beim chronischen Konsum größerer Mengen auf. Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass der THC-Gehalt bei illegal erworbenem Cannabis in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist. Über die Konsummengen bei Sportlern gibt es keine konkreten Untersuchungen. Da bei chronischem Konsum weitere negative Effekte auftreten (Lungenprobleme durch das Rauchen, Husten, kardiovaskuläre Schäden, Fettleber, psychische Störungen), scheint er mit Hochleistungssport schwer zu vereinbaren. Über kurz oder lang wäre ein positiver Dopingtest wahrscheinlich. Besonders der Cannabiskonsum von Jugendlichen ist kritisch zu bewerten, da zahlreiche Untersuchungen langfristige negative Wirkungen auf die Gehirnentwicklung, die Neigung zu Depressionen und die Selbstmordraten bestätigen (4).

Die Einflussmöglichkeiten von Canna­bis auf das Gehirn sind im Endocannabinoidsystem verortet. Es wirkt während der Kindheit an einer Reihe von Reifungsprozessen mit, z. B. an der kortikalen Entwicklung, der Regulation der Zelldifferenzierung oder der Differenzierung, Migration und dem Überleben von Nervenzellen. Strukturen im Gehirn, in denen eine große Anzahl von Cannabinoidrezeptoren vorhanden sind, sind bei Cannabiskonsumenten vorrangig von Strukturänderungen betroffen, so etwa die Amygdala, der Hippocampus, das Striatum und das Zerebellum. Während der massiven Umstrukturierungen des Gehirns in der Pubertät reagiert es besonders empfindlich auf äußere Einflüsse. Das bestätigen auch Untersuchungen, die zeigen, dass die strukturellen Unterschiede im Gehirn umso größer sind, je früher im Leben der Cannabiskonsum begonnen wurde. Zuletzt fand eine Untersuchung sogar Veränderungen im Gehirn nach einem selbst angegebenen Konsum von nur insgesamt zwei Joints (8).

Analysen ergaben, dass das Volumen der Grauen Substanz in Hirnregionen, in denen das Endocannabinoidsystem stark aktiv ist (z. B. Amygdala und Hippocampus), höher war als bei der Vergleichsgruppe. Ergänzend fanden die Wissenschaftler, dass die Jugendlichen aus der Cannabisgruppe in neuropsychologischen Tests schlechter abschnitten als die Kontrollgruppe. Logisches Denken, Arbeitsgeschwindigkeit und manuelle Geschicklichkeit waren schlechter als in der gleichaltrigen Kon­trollgruppe. Offenbar können bereits wenige Konsumereignisse ausreichen, um die Entwicklungsvorgänge im jugendlichen Gehirn zu verändern. Das ist auf jeden Fall eine wichtige Erkenntnis, die unbedingt in der Aufklärung über die Wirkungen von bewusstseinserweiternden Substanzen Raum finden muss. (Weiter im Text auf der nächsten Seite)