ACL-Rekonstruktion: postoperative Quadrizepsschwäche auch neuronal bedingt
Rupturen des Kreuzbands (anterior cruciate ligament/ACL) gehören nach wie vor zu den häufigsten Sportverletzungen. Neben langen Ausfallzeiten birgt ihre Rekonstruktion auch das Risiko späterer Gonarthrosen; entsprechend intensiv arbeiten Mediziner an Präventionsmethoden, Operationstechniken und Rehabilitationsregimes. Seit einiger Zeit weiß man, dass der Quadrizeps nach einer ACL-Rekonstruktion bei vielen Operierten zunächst deutlich gehemmt ist. Dieses als arthrogene Muskelinhibition bezeichnete Phänomen kann dazu beitragen, dass Kraft und Funktion auch nach abgeschlossener Rehabilitation eingeschränkt bleiben. Weil bisher nicht geklärt ist, welche Rolle neuronale Veränderungen dabei spielen, haben australische Forscher in einer prospektiven Fallserie untersucht, wann diese Muskelhemmung einsetzt und welche Steuerungsmechanismen dafür verantwortlich sind (1).
Untersucht wurden 21 junge Erwachsene (38 Prozent Frauen, medianes Alter 24,5 Jahre), deren akute primäre Kreuzbandruptur per autologem Hamstring-Implantat operativ versorgt worden war. Die erste Untersuchung fand vor dem Eingriff statt, die zweite ca. zwei Wochen danach. Veränderungen in der zentralen Muskelansteuerung bei isometrischer Knieextension erfassten die Forscher per transkranieller Magnetstimulation (TMS), bei der der für die Beinmuskulatur zuständige Bereich des motorischen Kortex durch kurze Magnetimpulse gereizt wird. Dadurch ausgelöste hemmende bzw. aktivierende Antworten wurden elektromyographisch gemessen. Ein weiteres Augenmerk lag dabei auf den Hamstrings, weil diese ursächlich zur Funktion und Stabilität des Kniegelenks beitragen und darüber hinaus oft die Transplantate für ACL-Rekonstruktionen liefern.
Das Ergebnis: Bereits zwei Wochen nach dem Eingriff war die intrakortikale Hemmung des Quadrizeps, nicht jedoch der Hamstrings, signifikant stärker ausgeprägt als vorher, während die intrakortikale Erregbarkeit (Fazilitation) an anderen lokalen Messpunkten zunahm. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf eine insgesamt erhöhte Aktivität bestimmter Regelkreise nach der Operation. Andere Messgrößen blieben dagegen weitgehend unverändert und auch bei den Hamstrings waren direkt nach der OP keine wesentlichen Veränderungen der untersuchten Parameter nachweisbar.
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sind vor allem deshalb interessant, weil Veränderungen der kortikalen Steuerung offenbar sehr früh nach einer ACL-Rekonstruktion einsetzen. Eine verstärkte Hemmung könnte eine zunächst sinnvolle Schutzreaktion des Nervensystems auf Verletzung, Operation und Schmerz darstellen, die später maladaptiv wird. Für die Praxis bedeutet das vor allem, dass postoperative Quadrizepsschwäche nicht allein ein lokales Muskelproblem ist, sondern dass auch Veränderungen der zentralen motorischen Steuerung beteiligt sein könnten. Hier haben manche direkt auf den Kortex abzielenden frühen Trainingsinterventionen wie transkranielle Gleichstromstimulation oder Blutflussrestriktionstraining in ersten Versuchen vielversprechende Ergebnisse geliefert, müssen aber noch weiter evaluiert werden.
■ Kura L
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Quellen:
Sylvester C, Vallence A, Whife C, et al. Motor cortex inhibition and facilitation changes within two weeks of anterior cruciate ligament reconstruction (ACLR): A case series. Sports Medicine and Health Science. 2025; online first 19.08.2025. doi:10.1016/j.smhs.2025.08.003