Wie beeinflussen Diagnosebezeichnungen die Patientenwahrnehmung?

Wie beeinflussen Diagnosebezeichnungen die Patientenwahrnehmung?
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Bei muskuloskelettalen Schmerzen sind eindeutige Diagnosebezeichnungen nicht immer möglich. Während spezifische Diagnosen klar eine pathoanatomische Ursache benennen, geben unspezifische Bezeichnungen dies nicht an. Seit Längerem wird vor diesem Hintergrund diskutiert, ob die Verwendung detaillierter Terminologie im Arzt-Patienten-Kontakt überhaupt der Sache dient oder doch eher hinderlich ist. Forscher der Universität Winchester haben im Rahmen einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metasynthese nun erstmalig aktuelle qualitative Forschungsergebnisse zur Patientenwahrnehmung zusammengefasst (1). Konkret ging es darum, wie Patienten Diagnosebezeichnungen für Schmerzen des Bewegungsapparates wahrnehmen und wie diese Bezeichnungen die Überzeugungen, Emotionen und Behandlungswünsche beeinflussen. Hierfür wurden 18 Studien mit Daten von mehr als 6000 Teilnehmern qualifiziert. Sie befassten sich mit muskuloskelettalen Schmerzen im Bereich unterer Rücken, Schultern, Knie und Hüften sowie Arthrose im Allgemeinen.

Nach Auswertung der Daten kristallisierten sich vier Hauptthemen im Arzt-Patienten-Kontakt heraus: Erstens zeigte sich, dass die meisten Patienten sich eine Diagnose wünschen, die ihre Schmerzen bestätigt und ihnen ein Gefühl von Kontrolle über die Behandlung gibt. Handelt es sich um Frakturen oder andere Pathologien, die Schonung oder besondere Vorsicht erfordern, ist dies zur Sensibilisierung für schädliche Belastungen sogar unumgänglich. Zweitens: Unzureichende Erklärungen der Diagnosen und die Verwendung von medizinischem Fachjargon führten zu Frustration und Verwirrung. Drittens: Spezifische Diagnosebezeichnungen bestätigten zwar die Schmerzen, förderten aber Angst und eine biomedizinische Sichtweise auf Schmerzen, während unspezifische Bezeichnungen mit weniger Angst, aber größerer Verwirrung verbunden waren. Schließlich führten, viertens, unspezifische Diagnosen zwar zu einer positiveren Einschätzung der Prognose und nicht-invasiver Behandlungsmethoden, veranlassten aber einige Patienten zu der Annahme, dass weitere Untersuchungen erforderlich seien.

Insgesamt besteht eine große Herausforderung darin, dass mangelhafte Erklärungen und die Verwendung medizinischer Fachsprache zu Frustration und Verwirrung führen; hier ist also Fingerspitzengefühl gefragt. Die Autoren schlagen deshalb vor, das medizinische Problem zwar ausführlich zu erklären, dabei terminologisch aber eher unspezifisch zu bleiben.  Hilfreich kann auch ein Hinweis darauf sein, dass die Formulierung der Diagnose aus administrativen Gründen zwar nötig ist, das Problem aber nicht vollumfänglich beschreibt. Bei all diesen Überlegungen sind Faktoren wie die allgemeine Gesundheitskompetenz, persönliche Überzeugungen sowie etwaige negative Vorerfahrungen des Patienten zu berücksichtigen. Hier können behandelnde Ärzte z. B. Techniken wie die Teach-Back-Methode einsetzen.

Fazit: Bei unklaren Befunden kann eine wohlüberlegte, verständliche Kommunikation wichtiger sein als das Festhalten an einer scheinbar exakten Strukturdiagnose. Ziel muss immer sein, die Angst des Patienten zu reduzieren, seine Therapie-Akzeptanz zu fördern und invasive Maßnahmen nicht vorschnell einzuleiten.

■ Kura L

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Quellen:

  1. Martin S, Smith M, Wilson DA, Zadro JR, Ferreira GE, et al. Non-specific diagnostic labels for musculoskeletal conditions foster positive views about prognosis and non-invasive management but require clear explanation: a systematic review. J Physiother. 2025; 71: 167-178. doi:10.1016/j.jphys.2025.06.011