Was bringt Sehtraining für die sportliche Leistung?
Weil optische Informationen beim Sport permanent zur Bewegungssteuerung, Antizipation nächster Schritte, räumlichen Orientierung und Entscheidungsfindung beitragen, sind sie wichtige Bausteine athletischer Performance. Visuelle und perzeptiv-kognitive Fähigkeiten rücken deshalb immer mehr in den Fokus der Sportwissenschaft. Ein polnisches Studienteam hat im Rahmen eines narrativen Reviews den aktuellen Forschungsstand zum Thema „Sports Vision“ zusammengefasst und stellt darin die Frage, ob Sehtraining reguläre Trainingsregimes sinnvoll ergänzen könnte(1).
Die Analyse basiert auf dem Fakt, dass hochtrainierte Sportler gegenüber weniger erfahrenen oder untrainierten Personen häufig bei dynamischer Sehschärfe, peripherer Wahrnehmung, Reaktionszeit, visuellem Tracking und Auge-Hand-Koordination besser abschneiden. Bisher war unklar, ob diese Unterschiede eine Folge langjährigen Trainings sind oder individuell schon vorher angelegt waren und in sich eine Voraussetzung für entsprechende Leistungsvorteile darstellen. Für die Studie wurden daher die gängigen Maßnahmen der Visionsstimulierung untersucht und von den Autoren bewertet.
Quiet-Eye-Training: bewusstes Fixieren eines Ziels unmittelbar vor Bewegungsbeginn bei bewegter Umgebung, mit dem Ziel einer besseren Blickstabilität und Präzision und stabilerer Leistung unter Druck. Diese Trainingsform ist günstig für alle Disziplinen, in denen Genauigkeit zählt (z. B. Golf, Bogenschießen, Basketball). Die Evidenz hinsichtlich der Verbesserung visueller Fähigkeiten ist nach Einschätzung der Autoren für diese Trainingsform stark; für die Verbesserung der sportlichen Performance moderat bis stark.
Stroboskopisches Training: temporäre Einschränkung (Abdunkelung) visueller Reize per Spezialbrille während sportartspezifischer Übungen mit dem Ziel einer Optimierung visueller Aufmerksamkeit. Dieses Sehtraining ist v. a. für Mannschafts- und Rückschlagsportarten mit dynamisch wechselnder visueller Umgebung günstig. Die Evidenz für die Verbesserung visueller Fähigkeiten ist nach Einschätzung der Autoren für diese Trainingsform moderat, für die Verbesserung der sportlichen Performance jedoch begrenzt.
3D-Multiple-Object-Training (3D-MOT): Gleichzeitige Verfolgung mehrerer identischer bewegter Objekte auf einem Bildschirm mit dem Ziel, die Verarbeitung mehrerer visueller simultaner Reize für bessere Entscheidungsfindung im Spiel zu optimieren. Anwendbar v. a. für Mannschaftssportarten. Die Evidenz für die Verbesserung visueller Fähigkeiten ist nach Einschätzung der Autoren für diese Trainingsform moderat; hinsichtlich der Verbesserung sportlicher Performance jedoch begrenzt.
Virtual-Reality-Anwendungen: gezielte Simulation sportartspezifischer Situationen unter kontrollierten Bedingungen, z. B. per VR-Brille, mit dem Ziel der Einübung typischer oder auch seltener Spielsituationen. Anwendbar für alle Sportarten. Die Autoren glauben, dass VR-Trainings für die Verbesserung visueller Fähigkeiten der sportlichen Performance künftig an Evidenz gewinnt.
Die zentrale Frage lautet, wie sich die Effekte des Visionstrainings auf sportartspezifische Situationen übertragen lassen, denn Fortschritte unter Laborbedingungen („Near Transfer“) führen nicht automatisch zu besserer Wettkampfleistung („Far Transfer“). So wirkte sich 3D-MOT bei Fußballspielern in Form höherer Passgenauigkeit aus, Quiet-Eye-Training bescherte Golfern bessere Leistungen beim Putten und stroboskopisches Training verbesserte bei Athleten verschiedener Disziplinen Reaktionszeit und visuelle Verarbeitungseffizienz. Am überzeugendsten erschienen Interventionen, die den realen Wahrnehmungs- und Entscheidungsanforderungen der jeweiligen Sportart nahekommen und in das technische oder taktische Training integriert werden. Insgesamt kann Sehtraining nach Ansicht der Autoren normale Übungsregimes sicherlich ergänzen, ohne als separate Intervention allzu viel Raum einzunehmen.
■ Kura L
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Quellen:
Stadnik A, Kolasa W, Stankowski W, et al. Visual Skills and Athletic Performance: The Role of Vision Training in Sport - A Narrative Review. Quality in Sport. 2026; 70: 74746. doi:10.12775/QS.2026.70.74746