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Fortsetzung Sport und Skoliose: Was hilft, was schadet?

Skoliose durch Sport?

Die Literatur liefert keine sicheren Hinweise dafür, dass Sport an sich Skoliosen begünstigt (2). Zwar hatte eine Literaturanalyse aus dem Jahr 2010 statistisch signifikant höhere Quoten von AIS bei jugendlichen Turnerinnen, Tänzerinnen und Rhythmischen Sportgymnastinnen gefunden. Diese Auffälligkeit führen die Studienautoren jedoch auf die verspätete Menarche der Mädchen zurück – verursacht durch sehr jungen Trainingsbeginn, per Dauerdiät niedrig gehaltenes Körpergewicht und enormen psychischen Druck. Da Östrogenmangel die Reifung der Wachstumsfugen und Knochen beeinträchtigt, verlängert sich deren vulnerable Phase um Jahre. Kommen dann im Training und Wettkampf wiederholte Stoßbelastungen, einseitige Belastung und Mikrotraumen hinzu, könnte das die Entstehung einer Skoliose fördern (5).

Sportartspezifische Belastungsmuster beachten

Jörg Mayer, Sportphysiotherapeut und Osteopath in München, bescheinigt daneben auch unilateralen auf Leistungsniveau betriebenen Sportarten wie Tennis, Speerwurf, Golf, Stabhochsprung etc. ein gewisses Potenzial für funktionelle skoliotische Fehlhaltungen – wenn entsprechendes Ausgleichstraining fehlt. Mit diesen Athletinnen und Athleten übt er deshalb gezielte muskuläre Gegensteuerung ein, die sich gut in Alltagsbewegungen umsetzen lässt, aber auch ins künftige Training integriert werden sollte. Er wünscht sich für problematische Sportarten ein schon im Jugendtraining einsetzendes Screening, um Dysbalancen rechtzeitig erkennen und therapeutisch adressieren zu können.

Es sei übrigens auffallend, so Mayer, dass durchtrainierte Personen nur selten Beschwerden haben, die unmittelbar mit einer Wirbelsäulenverkrümmung assoziiert sind: „Durch ihr pauschal gut trainiertes ,Muskelkorsett‘ können Leistungssportlerinnen und -sportler die Skoliose gut kompensieren. Die meisten kommen eher mit Beschwerden in Rücken, Becken oder Hüfte, die z. B. von konsekutiven Beckenfehlstellungen herrühren. Aus diesen ergeben sich durch den erhöhten Zug u. a. Sehnenansatzprobleme. Eine detaillierte Betrachtung der myofaszialen Ketten enttarnt dann die beteiligten Strukturen – und durch deren Behandlung beeinflussen wir die Skoliose quasi rück(en)wirkend mit.“

Sport trotz Skoliose?

Dr. Reisner sieht bei seinen sportlich ambitionierten Skoliose-Patientinnen und -patienten keinen Grund, Bewegungsverbote auszusprechen: „Bis zu einem Cobb-Winkel von 40° kann eigentlich jede Art von Sport getrieben werden, solange sie nicht mit axialen Stauch- und Stoßbelastungen oder extremer unilateraler Belastung einhergeht. Die wichtigste Säule in der Behandlung ist aber die begleitende Physiotherapie, am idealsten nach Lehnert-Schroth. Aber auch in Sachen Sonderprogramme hat sich hier in den letzten Jahren ganz viel getan.“ Jörg Mayer empfiehlt sportliche Bewegung sogar bis zu sehr ausgeprägten Skoliosen: „Je größer der Cobb-Winkel, desto mehr muss das Muskelsystem die Wirbelsäule ja unterstützen. Außerdem leiden gerade Patientinnen und Patienten mit Cobb-Winkeln ab 20° zunehmend bis zu über 50° oft unter eingeschränkter thorakaler Mobilität, was sich bis hin zu kardiopulmonalen Problemen äußern kann. Hier ist also moderater aerober Sport neben professionell angeleiteter Bewegungs-, Atem- und Physiotherapie besonders sinnvoll.“ (Fortsetzung auf nächster Seite 3/4)

Jörg Mayer, Sport- und Bewegungstherapeut, Osteopath und Sportphysiotherapeut des DOSB, München
Jörg Mayer, Sport- und Bewegungstherapeut, Osteopath und Sportphysiotherapeut des DOSB, München © Mayer