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Pro & Contra: haltungskorrigierende Kleidung

Was ist von Kleidung zu halten, die den Träger in eine verbesserte oder optimale Körperhaltung »zwingt«? Ist das eine noch zu wenig genutzte Lücke in Prävention und Therapie? Oder handelt es sich eher um eine Krücke für diejenigen, denen die Kräftigung der Rumpf- und Haltemuskulatur zu viel Aufwand ist?

Pro & Contra: haltungskorrigierende Kleidung
© maridav/fotolia

Pro haltungskorrigierende Kleidung: Dr. Markus Knöringer, Facharzt für Neurochirurgie, Bandscheiben- und Wirbelsäulenchirurgie

Tatsache ist: Eine schlechte Körperhaltung verändert die Statik. Entscheidend ist die sagittale Balance. Werden Kopf oder Oberkörper vor dem Körperschwerpunkt getragen, vervielfacht sich die Druckbelastung auf Bandscheiben und Wirbelkörper. Überlastung und Schädigung der Strukturen sind die Folgen. Bei Patienten mit Osteoporose spielt diese Fehlstatik eine große Rolle. Je ausgeprägter die Kyphose der Brustwirbelsäule ist, desto größer wird die Druckbelastung auf die Wirbelkörper und damit das Risiko, eine Fraktur zu erleiden. Bricht ein Wirbelkörper, so heilt er meist in einer kyphotischen Stellung aus, wodurch die Fehlstatik und das Risiko für weitere Frakturen steigen.

Im Bereich der Prophylaxe und Therapie osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen haben sich daher spezielle Mieder bewährt, die ohne Zutun des Patienten die Haltung verbessern. Postoperative Nachuntersuchungen aus der Wirbelsäulenchirurgie machen deutlich: Wird die sagittale Balance bei langstreckigen Fusionsoperationen nicht respektiert, kommt es im Anschlussbereich an die Versteifung zu Überlastungen und zum Teil zu massiven Komplikationen. Weitere Aspekte sind Schmerzen durch Mehrbelastungen von Muskeln, Faszien und Sehnen sowie die Stellung der Wirbelgelenke zueinander. Bei der Hyperlordose führt eine teleskopartige Einstülpung der Facettengelenke zu einer unphysiologischen Druckbelastung und damit zu Schmerz und zur Förderung degenerativer Prozesse. Eine Beschwerdenminderung durch entlordosierende Mieder ist hier wissenschaftlich nachgewiesen.

In eine ganz andere Richtung geht die Einschränkung der Lungenkapazität bei Kyphosierung der Brustwirbelsäule oder auch nachgewiesene Effekte der Körperhaltung auf die Psyche. Die Physio- und Sporttherapie zur Optimierung der Haltung sollte im Vordergrund stehen, um sich nicht von Hilfsmitteln abhängig zu machen. Haltungskorrigierende Kleidung ist jedoch eine sehr interessante Idee. Sie kann den Nutzer sensibilisieren und daran erinnern, sich richtig zu halten und zu bewegen. Ein wissenschaftlich belegter Nutzen steht noch aus.

Bild Markus Knöringer
Dr. Markus Knöringer, Facharzt für Neurochirurgie, Bandscheiben- und Wirbelsäulenchirurgie, spezielle Schmerztherapie und Sportmedizin
© Knöringer M