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Fortsetzung Pro & Contra: haltungskorrigierende Kleidung

Contra haltungskorrigierende Kleidung: Jörg Mayer, DOSB Sportphysiotherapeut, Osteopath und Sport- und Bewegungs­therapeut

Zweifellos ist der positive Effekt auf die Haltung beim Tragen von haltungskorrigierender Kleidung sofort spürbar: Man merkt deutlich die aufgerichtete Brustwirbelsäule und die retrahierten Schultern. Aber auch ein unangenehmer Einfluss ist ad hoc spürbar. Die Atmung gegen den Widerstand des Shirts ist erschwert und der Atemaufwand in sitzender Position subjektiv spürbar erhöht. Ob dieser Widerstand die Atemmuskulatur im positiven Sinne kräftigt, zur früheren Ermüdung führt oder ein unphysiologisches (z. B. flaches) Atemmuster fördert, ist zu klären.

Kann der Effekt der Kleidung die Haltung verbessern, Schmerzen lindern und für mehr Selbstbewusstsein durch eine aufrechtere Haltung sorgen? Hersteller verweisen hier u. a. auf eigene Studien zur Schmerzlinderung, Effekte auf das »Muskelgedächtnis« (ein nicht klar definierter Begriff, der irgendwo zwischen motorischem Lernen und Krafttraining einzuordnen ist) und auf Wirkungen, die denen eines Kine­siotapes ähneln. Hierzu ist die Studienlage immer noch dünn und es fehlt ein starker Wirksamkeitsnachweis, sowohl für die Kinesiotapeanlagen als auch für das Tragen von haltungsfördernder Kleidung.

Für eine dauerhafte Verbesserung der Haltung müssten Anpassungen des Bewegungsapparates stattfinden, die im eigentlichen Sinne eines Trainings durch ein Belastungsgefüge definiert sind. Dies lässt sich wohl nur schwer durch das Tragen von Kleidung abbilden und Hinweise bezüglich der anfänglichen Trage-, sprich Trainingszeiten unterscheiden sich bei den verschiedenen Herstellern. Grundsätzlich ist es vorstellbar, dass externe Hilfen, ob Bandagen, Orthesen oder eben ein haltungsförderndes Shirt, die eine Verbesserung der aktuellen Haltungssituation bewirken, auch schmerzreduzierend wirken.

Aber genauso könnten auf längere Sicht potenzielle »Abhängigkeiten« entstehen, da nicht geklärt ist, ob durch die postulierten »Gewöhnungseffekte« Muskeln möglicherweise nur noch mit dem Shirt haltungsförderlich angesprochen werden.

Bild Jörg Mayer
Jörg Mayer, DOSB Sportphysiotherapeut, Osteopath und Sport- und Bewegungs­therapeut © Mayer J