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Fortsetzung Optimierung durch Selbstvermessung? Wie Lifelogging und Online-Fitness unser Leben (nicht) verändern.

Vom Handgelenk in die Schublade

Das Nutzungsverhalten zeigt, dass viele Anwender sich offenbar nicht die umfassende Selbstüberwachung wünschen, sondern einzelne, als problematisch erachtete Verhaltensweisen ändern möchten, also beispielsweise Gewicht reduzieren, mit dem Rauchen aufhören oder Muskeln aufbauen wollen. Unterwirft man sich mit einem Wearable am Handgelenk oder einer App auf dem Smartphone also doch nicht einem allgemeinen Fitnesswahn und Gesundheitszwang? Dafür spricht, dass laut einer Untersuchung etwa jeder dritte Wearable-Besitzer innerhalb von sechs Monaten wieder aufhörte, das Gadget zu nutzen. Offenbar gelingt es also auch trotz technischer Geräte und Apps nicht, den inneren Schweinehund dauerhaft zu überwinden und eine Verhaltensänderung umzusetzen.

Ähnliche Beobachtungen macht auch Dr. Daniel Gärtner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fakultät für Sport und Gesundheitswissenschaften der TU München, im Bereich Online-Fitness. Virtuelle Fitnessstudios bieten gegen eine monatliche Gebühr, äquivalent zu einem klassischen Studio, Fitnesskurse an, die über das Internet gestreamt werden können. Daneben gibt es auch eine Reihe kostenloser Fitness-Channels auf YouTube wie zum Beispiel Fitness Blender, der mit über drei Millionen Abonnenten beliebteste Kanal, oder Xhit mit über zwei Millionen Beziehern. Der User ist dabei komplett unabhängig von Öffnungs- oder Kurszeiten.

»Bei diesen Angeboten, welche ohne spezielles Ziel und ohne Laufzeit gebucht werden können, lässt die Motivation häufig schnell nach und die User machen die Programme nicht mehr. Kurse mit begrenzter Laufzeit hingegen, die gezielt auf ein bestimmtes Ergebnis ausgerichtet sind, z. B. Marathontraining oder Gewichtsreduktion, und die dafür einen umfassenden Service in Form von variierenden Trainings- und Ernährungsplänen oder Rezepten anbieten, werden von einem Großteil der Abonnenten bis zum Schluss durchgehalten«, schildert Dr. Gärtner die Ergebnisse von Untersuchungen des Fachbereiches sowie Erfahrungen mit seinem eigenen Online-Fitnessprogramm, das er kostenpflichtig im Internet anbietet.

Bild Daniel Gärtner
Dr. Daniel Gärtner, Sportwissenschaftler, TU München © Gärtner

Selbstvermessungs-Hopping statt Verhaltensänderung

Vor allem Erwachsene mit stressigem Alltag und wenig Zeit, aber auch Jugendliche, die sich von dem in vielen Medien zelebrierten Kult um den »idealen« Körper beeinflussen lassen, zieht es verstärkt hin zur virtuellen Fitness-Szene und weg von den klassischen (Vereins-)Sportarten. Deren Mitgliederzahlen sind im Gegensatz stark rückläufig. So sehr man befürworten mag, dass sich eine Vielzahl von Menschen mithilfe von Online-Fitnessprogrammen, Apps und Wearables der Bewegung und körperlichen Aktivität öffnet, so kritisch ist diese Entwicklung im Hinblick auf das Verletzungsrisiko zu betrachten. »Viele Online-Fitnessprogramme versprechen schnelle Erfolge in kurzer Zeit. Das ist nur mit sehr intensivem Training möglich. Diese Übungen sind aber oft sehr komplex und benötigen bereits eine gute Konstitution. Für Einsteiger sind sie häufig nicht zu empfehlen. So kommt es schnell zu Überlastungen und Verletzungen, welche wiederum zum Abbruch des Programms führen«, erklärt der Sportwissenschaftler Gärtner.

Allgemein scheint sich zu bestätigen, dass die treibende Kraft für die genannten Entwicklungen der Wunsch ist, in kurzer Zeit und mit wenig Aufwand einen fitten, gesunden und gut aussehenden Körper zu bekommen, Wird das nicht erreicht oder ist der Aufwand zu hoch, hört man eben wieder auf oder probiert die nächste App. »Selbstvermessungs-Hopping« nennt das Dr. Kappler und zweifelt daher an der Nachhaltigkeit der Methoden. Die Trägheit, die jeden einzelnen seit Monaten, Jahren oder Jahrzehnten davon abhielt, ein ungeliebtes Verhalten zu ändern, lässt sich halt nicht so leicht austricksen, wie einem die Hersteller von Wearables, und die Entwickler von Apps und Online-Programmen glaubhaft machen möchten. Irgendwie hat das auch etwas Beruhigendes.

■ Hutterer C

Quellen:

  1. Tarde G. Die Gesetze der Nachahmung. Frankfurt a.M., Suhrkamp. 2008.

  2. Wolf G. The Data-Driven Life. New York Times, 28.04.2010. http://www.nytimes.com/2010/05/02/ magazine/02self-measurement-t.html?_r=0

  3. Chiauzzi E, Rodarte C, DasMahapatra P. Patient-centered activity monitoring in the self-management of chronic health conditions. BMC Medicine, 2015; 13: 77. doi:10.1186/s12916-015-0319-2

  4. Duttweiler S, Gugutzer R. »Ich habe das gute Gefühl, etwas Wichtiges für mich und meine Zukunft zu tun.« Self-Tracking im Sport – mehr als kurzfristige Selbstbefriedigung? Forschung Frankfurt, 2015; 1: 28–33.