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Fortsetzung Neuroathletiktraining (NAT): Was Schielen und Summen mit Bewegungsqualität zu tun haben

Kritisch sehen dagegen manche Wissenschaftler den Ansatz. »Auch wenn das Konzept in Teilen logisch klingt, so basieren die Aussagen und vor allen Dingen die postulierten Effekte methodisch, physiologisch und anatomisch bislang leider überwiegend auf Hypothesen. Es ist weitgehend unklar, ob die mit dem Training anvisierten Strukturen tatsächlich leistungsphysiologisch relevant sind und ob Effekte auch dort auftreten, wo Neuroathletiker das postulieren. Es gibt bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die bildgebend, physiologisch oder auf Ebene der Neurotransmitter die Effekte an den entsprechenden Stellen zeigen«, erklärt Prof. Claus Reinsberger, Institutsleiter des Departments Sport und Gesundheit an der Universität Paderborn.

Dabei ist der Neurologe nicht grundsätzlich gegen die Trainingsform: »Die Ansätze sind oft gut und spannend, aber ich fürchte, dass das ZNS hier stark vereinfacht wird und anatomische und physiologische Aspekte selektiv herausgegriffen werden, weil wir sie dann glauben trainieren zu können.« Reinsberger und seine Kollegen nutzen die Physiologie als Ausgangspunkt. Sie messen beispielsweise die physiologische Funktion des vestibulookulären Reflexes und des dynamischen Visus‘, der die Sehfähigkeit beschreibt, wenn sich der Kopf bewegt. Anhand der Messungen können relative Defizite festgestellt werden. »Wir wissen allerdings noch nicht, wie die physiologischen Parameter mit Training veränderbar sind und welchen Einfluss ein Training auf das Ausüben der Sportart hat«, gibt Prof. Reinsberger zu bedenken.

Zunge am Gaumen – 30 Prozent mehr Kraft?

Eine Untersuchung, in der das Knieflexionsmoment bei unterschiedlicher Zungen­position gemessen wurde, kam zu beeindruckenden Ergebnissen (5). 18 Freizeitsportler führten den Test je dreimal mit unterschiedlicher Position der Zunge im Mund durch. Entweder lag die Zunge während der Durchführung im Unterkiefer (LOW), direkt hinter den Schneidezähnen (MID) oder im Oberkiefer am Gaumenbein an (UP). Die Kraftwerte unterschieden sich zwischen der LOW- und MID-Position nicht signifikant. Wurde die Zunge während des Tests jedoch in der UP-Position am Gaumen angelegt, war das maximale Spitzendrehmoment um 34 Prozent höher. Weitere Untersuchungen, die diese Effekte bestätigen, gibt es allerdings nicht. Man fragt sich warum, wenn doch durch einen einfachen Trick die Leistung derart massiv beeinflusst werden könnte? Unklar ist, ob die Ergebnisse nicht reproduzierbar sind, methodische Schwächen vorliegen oder der Effekt durch andere Parameter zustande kam.

Nach dem Hochleistungssport drängt NAT auch in den Breitensport, die Prävention und Rehabilitation. »Breitensportler gehen gerne um ihre Defizite herum. Das führt, neben viel sitzender Tätigkeit, dazu, dass unsere neuronalen Systeme, beispielsweise das Gleichgewichts- und das visuelle System, permanent unzureichend und einseitig gebraucht bzw. unterfordert werden. Da es dieses große Defizit in den Afferenzen gibt, können schon kleine Veränderungen große Effekte haben«, so Schmid-Fetzer. (Weiter im Text auf der nächsten Seite)

Ulla Schmid-Fetzer, ehemalige Profitänzerin und Neuroathletiktrainerin
Ulla Schmid-Fetzer, ehemalige Profitänzerin und Neuroathletiktrainerin © Schmid-Fetzer