Laterale Ellenbogenschmerzen sind nicht immer ein Tennisarm
Lateral lokalisierte Ellenbogenschmerzen sind in der sportmedizinischen und orthopädischen Praxis häufig, vor allem bei Athleten aus Racketsportarten wie Tennis, Padel, Squash, Badminton oder Tischtennis. Oft werden die Beschwerden vorschnell als Epicondylitis humeri lateralis (laterale Ellbogentendinopathie/LET) eingeordnet, besser bekannt als „Tennisarm“ oder „Tennisellenbogen“. Die Diagnosestellung erfolgt in der Regel per Anamnese und klinischer Untersuchung; bildgebende Verfahren kommen initial meist nicht zum Einsatz. Aktuelle Daten zeigen jedoch, dass dem Schmerz in einem relevanten Teil der Fälle andere Ursachen zugrunde liegen. Niederländische Forscher haben die Thematik deshalb im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie untersucht und zusammengetragen, welche anamnestischen, demografischen und klinischen Befunde auf alternative Diagnosen hinweisen können (1).
An der Studie nahmen insgesamt 170 Patienten (46 Prozent Frauen, mittleres Alter 45 Jahre) mit seit durchschnittlich einem Jahr bestehenden lateralen Ellenbogenschmerzen teil. 59,4 Prozent der Probanden hatten in der Vorgeschichte Physiotherapie erhalten, 20,5 Prozent Kortikosteroidinjektionen. Die weitergehende Diagnostik, bestehend aus strukturierter klinischer Untersuchung, Röntgen, ggf. ergänzender Bildgebung und teilweise operativer Abklärung, zeigte, dass lediglich 53,5 Prozent der Betroffenen einen typischen Tennisarm hatten. Die Diagnose galt als gesichert, wenn der Ursprung der Handgelenkextensoren druckdolent war und mindestens zwei der drei klassischen Provokationstests (Cozen-, Maudsley- oder Mills-Test) positiv ausfielen.
Bei 46,5 Prozent der Teilnehmer war dies nicht der Fall. Ganze 21,2 Prozent litten stattdessen unter einer Osteochondrosis dissecans, 10,6 Prozent unter posterolateraler Rotationsinstabilität, 5,3 Prozent unter einer Arthrose des Radiokapitellargelenks, 4,1 Prozent unter einem Supinator-Syndrom und jeweils 2,4 Prozent unter einem Plica-Syndrom oder einer Bizepssehnen-Tendinopathie. Ein Patient wurde mit dem Verdacht auf rheumatologisches Geschehen weiterüberwiesen.
Mithilfe einer multivariablen logistischen Regressionsanalyse identifizierte das Studienteam sechs Kriterien, die unabhängig gegen die Diagnose „Tennisarm“ sprechen. Liegen mehrere davon vor, sollte diagnostisch weiter in die Tiefe gegangen werden, etwa mit weiterer Bildgebung (z. B. Magnetresonanztomografie, Ultraschall oder CT) oder notfalls operativ, um auch andere infrage kommende Erkrankungen bzw. Verletzungen in den Fokus zu holen. Die Prädiktoren lauten wie folgt:
– Alter ≤ 30 Jahre (OR 37,5; p < 0,001)
– Akuter Symptombeginn (OR 2,8; p=0,045)
– Mechanisches Blockieren des Gelenks („locking“) (OR 3,9; p < 0,001)
– Gelenkerguss/Hydrops (OR 2,9; p < 0,001)
– Positiver Instabilitätstest (OR 2,6; p=0,013)
– negativer Maudsley-Test (OR 50,9; p < 0,001)
Auffällig war zudem die altersabhängige Verteilung alternativer Diagnosen: Bei ausnahmslos allen Probanden unter 18 sowie den meisten unter 30 Jahren lag – teils in Kombination mit posterolateraler Instabilität – eine Osteochondritis dissecans vor, während kein einziger Patient ≥ 30 Jahre davon betroffen war. Da sich die Behandlung dieser Erkrankung fundamental von der anderer Ellenbogenpathologien unterscheidet, sollte hier diagnostisch besonders sauber vorgegangen werden.
Fazit: Fast jeder zweite Patient mit lateralen Ellenbogenschmerzen leidet nicht, wie oft reflexartig angenommen, an einer Epicondylitis humeri lateralis. Auch gänzlich andere Pathologien gehen mit Symptomen einher, die leicht mit denen eines typischen Tennisarms verwechselt werden können. Daher ist – insbesondere bei jüngeren Patienten, die gemäß der vorliegenden Studie eine Hochrisikogruppe für Osteochondritis dissecans sind – eine strukturierte Differenzialdiagnostik essenziell, um alternative Ursachen frühzeitig zu erkennen und adäquat zu behandeln.
■ Kura L
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Quellen:
Zwerus EL, Keijsers R, Colaris JW, The B, van den Bekerom MPJ, et al. Clinical diagnosis of lateral-sided elbow pain: predictors for recognizing a diagnosis other than tennis elbow. J Shoulder Elbow Surg. 2025: S1058-2746(25)00762-1. doi:10.1016/j.jse.2025.10.006