Impfungen bei Leistungssportlern

Impfungen bei Leistungssportlern
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Seit COVID-19 die Welt in Atem hält, wird auch im Sport über Ansteckungswege, Hygienemaßnahmen und Schutzmöglichkeiten gesprochen. Nichts wird sehnlicher erwartet als ein stark immunogener, auf breiter Basis einsetzbarer Impfstoff, damit endlich wieder so etwas Ähnliches wie Prä-Corona-Normalität entstehen kann. Da sich die Aufmerksamkeit nun auf Impfungen richtet, soll diese hochwirksame Präventionsmöglichkeit einmal umfassend mit Detailblick auf Sportler betrachtet werden. Denn im Leistungssport zählt vor Wettkämpfen jede Trainingseinheit. Doch Sportärzte wie Leistungssportler sind im Hinblick auf Impfungen aus Sorge vor Nebenwirkungen und potenziell negativen Effekten auf das Training eher zurückhaltend (8). Hinzu kommt, dass Profisportler oft ein besonders starkes Gefühl der Unverwundbarkeit entwickeln. Die Konsequenz: Zu wenige Leistungssportler sind entsprechend der offiziellen Empfehlungen geimpft. Doch Prävention ist in diesem Bereich wesentlich, denn Infektionskrankheiten sind die häufigsten Leiden, die Sportler betreffen (3).

Für Leistungsathleten können auch mild verlaufende Erkrankungen die körperliche Leistungsfähigkeit bereits merklich beeinträchtigen und so zum Ausfall von Trainingszeiten oder Wettkämpfen führen. Es ergibt sich außerdem ein gefährlicher Spagat: Der zu frühe Wiedereinstieg ins Training kann – beispielsweise nach einer Influenza-Erkrankung – schwere Komplikationen wie etwa eine Herzmuskelentzündung nach sich ziehen. Wie wichtig es für den sportlichen Erfolg ist, über die gesamte Saison möglichst gesund zu bleiben, zeigte eine prospektive Kohortenstudie mit Leichtathleten über einen Zeitraum von fünf internationalen Wettkampfsaisons (6). Die Wahrscheinlichkeit, das gesteckte Leistungsziel zu erreichen, erhöhte sich um den Faktor 7, wenn mehr als 80 Prozent der geplanten Trainingswochen vollständig absolviert wurden. Jede Woche Trainingsausfall oder -reduktion verringerte die Erfolgschancen signifikant.

Erhöhtes Infektionsrisiko bei bestimmten Sportlergruppen

Athleten sind gerade im organisierten Vereinssport und bei Wettkämpfen stärker als die Allgemeinbevölkerung gefährdet. Durch engen Kontakt zu Mannschaftskameraden, Kontrahenten, gemeinsame Nutzung von Umkleideräumen, Duschen und Toiletten, Trainingsstätten, Schlaf- und Gemeinschaftsräumen in Trainingslagern, Ausrüstung, Geräten, Gewichten und Bällen ist die Ansteckungsgefahr für Infektionskrankheiten, insbesondere Atemwegserkrankungen, erhöht (3). Bei Kontaktsportarten kommt dazu noch das Risiko, mit fremden Körperflüssigkeiten (Schweiß oder sogar Blut) in Kontakt zu kommen und sich darüber zu infizieren. Diesen Tatsachen wird in der Praxis teilweise noch zu wenig Bedeutung beigemessen. Sie deuten darauf hin, dass Impfungen zur Prävention unter Sportlern wie auch unter Trainern und im weiteren Betreuerstab deutlicher empfohlen werden sollten.

Während der Olympischen und Paralympischen Spiele von London (2012) und Rio (2016) wurde vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Inzidenz für Erkrankungen unter den Sportlerinnen und Sportlern erhoben. Demnach unterscheiden sich die Raten stark zwischen den Geschlechtern und den Sportarten. Es scheint, dass Athletinnen (60 Prozent höhere Inzidenz als Männer), Paralympioniken, bestimmte Wassersportler und Sportler mit mehreren Wettkampfeinsätzen (z. B. über mehrere Tage verteilte Wettbewerbe) besonders häufig an Erkrankungen des Respirationstrakts leiden (1, 2). Als mögliche Gründe für die stärkere Gefährdung dieser Sportlergruppen werden etwa Geschlechterunterschiede aufgrund der Sexualhormone, erhöhte Keimzahlen an Rollstühlen, Wasserqualität bei Freiwasserathleten oder zu großer mentaler Druck genannt. (Weiter im Text: nächste Seite 2 von 3)

Impfempfehlungen – wer braucht was?

Grundsätzlich unterscheiden sich die Impfempfehlungen für Sportler nicht deutlich von denen für die Allgemeinbevölkerung. Impfungen, die laut der Ständigen Impfkommission STIKO des Robert-Koch-Instituts alle Sportler haben sollten, sind:

– Tetanus
– Diphtherie
– Polio
– Keuchhusten
– Hepatitis A
– Hepatitis B
– Influenza
– Masern
– Mumps

Für Athleten, die viel draußen trainieren und in einem FSME-Risikogebiet leben oder zum Trainieren in ein solches reisen, ist die FSME-Impfung empfehlenswert. Die Windpockenimpfung ist sinnvoll für jugendliche Sportlerinnen und Sportler, die in der Kindheit keine Windpocken hatten. Da die Erkrankung mit steigendem Lebensalter tendenziell deutlich schwerer verläuft und Komplikationen wie Lungenentzündungen oder bakterielle Superinfektionen häufiger auftreten, sollte ein Immunschutz bestehen.

Grippeimpfung: Bei Athleten sogar wirksamer

Eine Grippeerkrankung kann auch bei jungen, leistungsfähigen Sportlern schwer verlaufen und für Trainings- und Wettkampfausfälle von mehreren Wochen sorgen. Eine Untersuchung an Leistungssportlern und Kontrollpersonen ergab, dass die Grippeimpfung bei Spitzensportlern sogar besser wirkt als bei Personen der Kontrollgruppe und die Nebenwirkungen mild sind (5). Keiner der 45 Sportler, die während einer regulären Trainingsphase gegen Grippe geimpft wurden, wurde in seinem Trainingsprogramm beeinträchtigt. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Impfung innerhalb von zwei Stunden oder 24 bis 26 Stunden nach der letzten Trainingseinheit verabreicht wurde (7). Die Autoren leiten aus ihren Ergebnissen die Empfehlung ab, dass sich Leistungssportler jährlich gegen die saisonale Grippe impfen lassen sollten. Ratsam ist eine Impfung ab Oktober, da die Influenza-Erreger vor allem während der Herbst- und Wintermonate zirkulieren.

Impfungen von Leistungssportler: Was beachtet werden sollte

Bei Leistungssportlern gibt es einige Dinge, die beachten sollten. Lokale Reaktionen an der Einstichstelle treten bei Impfungen häufig und innerhalb kurzer Zeit (6-72 Std.) auf und vergehen innerhalb von höchstens einer Woche. Zu injizierende Impfungen werden meist in den Deltamuskel am Oberarm oder subkutan bzw. intradermal in dieser Region gespritzt. Typische Reaktionen sind Schmerzen und eine leichte Schwellung. Wenn möglich, sollte z. B. bei Werfern oder Schlägersportlern die Impfung in den nicht-dominanten Arm gegeben werden.

Der Zeitpunkt der Impfung sollte an die zu erwartende Impfreaktion angepasst werden. Diese sollte mindestens zwei Wochen vor einem Wettkampf abgeschlossen sein (3). Bei inaktivierten Impfstoffen (sog. Totimpfstoffen wie Tetanus, Diphtherie, Hepatitis A und B, Keuchhusten) sind die Nebenwirkungen innerhalb der ersten Tage nach der Impfung zu erwarten, bei attenuierten Impfstoffen (sog. Lebendimpfstoffen wie Masern, Mumps, Varizellen) etwa innerhalb von 10 bis 14 Tagen. Systemische Reaktionen, etwa in Form einer allergischen Reaktion auf Komponenten des Impfstoffs oder eines anaphylaktischen Schocks, sind selten: Für die Grippe- und Masernimpfung etwa liegen die Wahrscheinlichkeiten bei 1:10 Millionen bzw. 1:100 000 Dosen. Günstige Zeitpunkte für Impfungen sind generell der Beginn von Regenerations- oder Urlaubsphasen sowie kurz vor Winter- und Sommerpausen. Trotzdem sei darauf hingewiesen, dass diverse Untersuchungen keinerlei negative Einflüsse intensiver körperlicher Belastung auf die Immunreaktion und auf die Häufigkeit bzw. Schwere von Impfreaktionen ergeben haben. Bei Bedarf können notwendige Impfungen folglich auch während Trainings- oder Wettkampfphasen gegeben werden. (Weiter im Text: nächste Seite 3 von 3)

Reisen in Trainingslager und zu internationalen Wettkämpfen

Internationale Reisen stellen eine große Quelle für Infektionen dar. Beginnend mit den Plastikkörben an der Flughafen-Sicherheitsschleuse, die auf ihrer Oberfläche mehr respiratorische Viren beherbergen als Toiletten oder Handläufe (4), birgt enger Kontakt in Flugzeugen, Gemeinschaftsunterkünften oder Umkleiden sowie zu anderen Sportlern stetiges Gefahrenpotenzial. Dazu kommen länderspezifische Gegebenheiten. Vorgaben wie eine verpflichtende Gelbfieberimpfung oder Empfehlungen für den Schutz vor Typhus, Meningokokken, Japanischer Enzephalitis und anderen müssen berücksichtigt werden. Mehrere Monate vor einer Reise sollten daher unbedingt Informationen zu notwendigen und sinnvollen Impfungen eingeholt werden. Da zu internationalen Wettkämpfen Athleten aus vielen Ländern der Welt anreisen, muss man zudem immer davon ausgehen, dass auch hierzulande bzw. am Wettkampfort untypische Erreger eingetragen werden. Prävention muss für Sportler, Trainer und Betreuer in diesem Kontext immer global gedacht werden.

Weitere mögliche Impfungen

Nicht alle Impfungen sind für Leistungssportler notwendig oder uneingeschränkt zu empfehlen. Doch sprechen manche Argumente für die Nutzung weiterer verfügbarer und für die Allgemeinheit empfohlenen Impfungen. Eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung ist hier sinnvoll:

Röteln: Die Krankheit verläuft meist mild, ist aber nicht mehr so verbreitet. Besonders eine Erkrankung in der Schwangerschaft kann schwere Schädigungen beim Embryo hervorrufen. Eine mögliche Nebenwirkung der Impfung, aber auch der natürlichen Infektion, ist eine Arthritis, die mehrere Wochen oder Monate andauern kann.

HPV
: Humane Papillomviren sind sexuell übertragbare Viren, die für die Entstehung diverser Krebserkrankungen im Sexualtrakt und Mund-Rachen-Bereich verantwortlich sind. Die Impfung wird in Deutschland für alle Kinder zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen. Die Krankenkassen übernehmen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr die Kosten.

Pneumokokken: Sportlern mit eingeschränkter Immunfunktion oder chronischen Lungenerkrankungen (z. B. Asthma) wird die Impfung gegen Pneumokokken empfohlen.

Haemophilus influenzae Typ b
(Hib): Die Impfung wird in der Regel bereits im Säuglings- und Kleinkindalter durchgeführt. Für Athleten, denen die Milz fehlt, empfiehlt sich die Impfung auch im Jugend- und Erwachsenenalter.

■ Hutterer C

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Quellen:

  1. Derman W, Schwellnus M, Jordaan E, et al. Illness and injury in athletes during the competition period at the London 2012 Paralympic Games: development and implementation of a web-based surveillance system (WEB-IISS) for team medical staff. Br J Sports Med. 2013; 47: 420-425. 10.1136/bjsports-2013-092375doi:

  2. Engebretsen L, Soligard T, Steffen K, Alonso JM, Aubry M, Budgett R, Dvorak J, Jegathesan M, Meeuwisse WH, Mountjoy M, Palmer-Green D, Vanhegan I, Renström PA. Sports injuries and illnesses during the London Summer Olympic Games 2012. Br J Sports Med. 2013; 47: 407-14. doi:10.1136/bjsports-2013-092380

  3. Harris MD. Infectious disease in athletes. Curr Sports Med Rep. 2011; 10: 84-89. doi:10.1249/JSR.0b013e3182142381

  4. Ikonen N, Savolainen-Kopra C, Enstone JE, et al. Deposition of respiratory virus pathogens on frequently touched surfaces at airports. BMC Infect Dis. 2018; 18: 437. doi:10.1186/s12879-018-3150-5

  5. Ledo A, Schub D, Ziller C, et al. Elite athletes on regular training show more pronounced induction of vaccine-specific T-cells and antibodies after tetravalent influenza vaccination than controls. Brain Behav Immun. 2020; 83: 135-145. doi:10.1016/j.bbi.2019.09.024

  6. Raysmith BP, Drew MK. Performance success or failure is influenced by weeks lost to injury and illness in elite Australian track and field athletes: A 5-year prospective study. J Sci Med Sport. 2016; 19: 778-83. doi:10.1016/j.jsams.2015.12.515

  7. Stenger T, Ledo A, Ziller C, et al. Timing of Vaccination after Training: Immune Response and Side Effects in Athletes. Med Sci Sports Exerc. 2020; 52: 1603-1609. doi:10.1249/MSS.0000000000002278

  8. Tafuri S, Sinesi D, Gallone MS. Vaccinations among athletes: evidence and recommendations. Expert Rev Vaccines. 2017; 16: 867-869. doi:10.1080/14760584.2017.1358092