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Fortsetzung Hat recht, wer heilt?

Wenn nicht sein kann, was nicht sein darf

Nun soll es hier aber nicht um gerissene Kreuzbänder und deren optimale Behandlung gehen. Vielmehr lässt sich an diesem Beispiel die grundsätzliche Problematik erörtern, wie man mit unglaublichen Ergebnissen, unerklärbaren Methoden und »übernatürlichen« Therapieerfolgen umgehen könnte/sollte/müsste.

Für viele Jahrhunderte glaubte man an eine falsche Erklärung zur Funktion des Blutkreislaufs und schenkte den – wie sich im Nachhinein herausstellte – richtigen Theorien kein Gehör. Bis ins 18. Jahrhundert hinein erklärte man sich die Entstehung von Krankheiten durch Gifte aus dem Erdreich, so genannte Miasmen. Vertreter, die kleine, lebende Erreger als Ursache von Krankheiten schlussfolgerten, wurden belächelt. Es gibt zahlreiche weitere ähnliche Fälle in der Medizin. Wer nun denkt, solche Beispiele wären unpassend, weil der Wissensstand heute viel größer sei, der täuscht sich. Bis vor Kurzem glaubte man nicht nur, dass Paracetamol bei Rückenschmerzen wirksam sei, man meinte sogar, es zu wissen. Dennoch zeigten Untersuchungen das Gegenteil (4).

Wir lassen uns dazu verleiten, Ergebnisse, p-Werte, ob positiv oder negativ, als endgültigen Beweis zu sehen. Wir glauben zu wissen, was sein kann und was nicht. Vielleicht gehen wir aber – ebenso wie die Vertreter der Miasmen-Theorie damals – von falschen Annahmen aus. Vielleicht fehlen uns auch die Methoden, die die Fehler in den Hypothesen aufzeigen oder Wirkungen von unerklärbaren Methoden sichtbar machen würden. Wir begründen Entscheidungen über Therapien zu einem großen Anteil mithilfe der Evidenzklassen. Substanzen oder Behandlungsmethoden, die in Studien mit der höchsten Evidenzstufe untersucht wurden und deren Ergebnisse besser ausfielen als die der Vergleichsmethode, gelten schnell als Goldstandard. Dabei vergessen wir, dass wir trotz all unseres Wissens, all der genauen und aussagekräftigen Messungen nur abbilden können, was sich mithilfe der angewandten Tests und mit dem heutigen Stand der Technik auch abbilden lässt.

Schulmedizin allein reicht nicht aus

Dr. Christoph Buck ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in eigener Praxis in Ulm. Neben der klassischen Schulmedizin setzt er eine Reihe von, ja wie soll man sie nun eigentlich nennen, alternativ- oder komplementärmedizinischen Methoden ein: »Ich habe schon oft gesehen, dass Patienten mit der reinen Schulmedizin nur unbefriedigend geholfen werden konnte. Ich setze unter anderem Akupunktur, Neuraltherapie und Applied Kinesiology ein, weil ich davon überzeugt bin, dass ich meine Patienten damit deutlich besser behandeln kann.« Doch reicht es aus, davon überzeugt zu sein, dass etwas funktioniert? »Die Frage ist doch grundsätzlich: Wer entscheidet, ob etwas funktioniert und was funktionieren kann? Wer entscheidet darüber, dass etwas nicht schulmedizinisch und damit nicht seriös ist – und damit auch nicht funktioniert?«, fragt Dr. Buck.

Die Grenze zu unseriösen Methoden ist nicht nur schwer festzulegen; wahrscheinlich ist das überhaupt nicht eindeutig möglich. Ein Arzt kann dafür aus seiner Erfahrung, seinem Wissen und dem Austausch mit Kollegen schöpfen. Dr. Ofner hat es sich zur Aufgabe gemacht, alternativ-/komplementärmedizinische Methoden wissenschaftlich zu untersuchen: »Wenn ich nach höchstem wissenschaftlichen Standard, also mit Evidenz mindestens der Stufe 2, einen Effekt nachweisen kann, dann ist es meines Erachtens sinnvoll, eine Methode in den klinischen Alltag zu integrieren, egal ob der Wirkmechanismus nachvollzogen werden kann oder nicht.«

Doch genau an dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn wenn man nur das als »funktionierend« gelten lässt, was nach wissenschaftlichen Standards untermauert werden kann, stößt man schnell an Grenzen – und verwehrt sich dem Fortschritt. Wie wir in früheren Ausgaben der DSZM berichtet haben, konnten weder für die Wirkung von sensomotorischen Einlagen oder Osteopathie noch für die Existenz von Triggerpunkten eindeutige Beweise gefunden werden. Dennoch funktionieren die Methoden in bestimmten Fällen. »Wenn wir nicht offen dafür sind, dass es Dinge gibt, die wir (noch) nicht erklären, die aber trotzdem helfen können, treten wir auf der Stelle«, betont Buck. In der Tat ist auch die Datenlage für viele Operations- und andere »schulmedizinische« Behandlungsmethoden wissenschaftlich betrachtet mehr als dünn.

Bild Christoph Buck
Dr. Christoph Buck, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Ulm © Buck