Häufig chronische Schmerzen beim Handstand

Häufig chronische Schmerzen beim Handstand
© Rithor / Adobe Stock

Der Handstand feiert derzeit ein bemerkenswertes Comeback. Ob in Yoga-Stunden, beim CrossFit oder unter Calisthenics-Fans – das auf den Händen stehende Balancieren gehört inzwischen zum Standardrepertoire vieler Bewegungspraktiken. So ästhetisch und kraftvoll der Handstand auch wirkt, birgt er biomechanisch eine große Herausforderung: Das Handgelenk wird zur tragenden Struktur und bekommt damit eine Rolle, für die es anatomisch nicht geschaffen ist.

Eine aktuelle Querschnittsstudie mit 321 Erwachsenen, die regelmäßig den Handstand üben, zeigt nun deutlich: Das Verletzungs- und Überlastungsrisiko im Bereich des Handgelenks ist hoch. Über die Hälfte der Befragten (56,7 Prozent) gab an, unter chronischen Schmerzen zu leiden, also unter wiederkehrenden oder persistierenden Beschwerden, die auf die Handstandpraxis zurückgeführt wurden (1). Der Anteil mit Beschwerden war in der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen mit 63,8 Prozent am höchsten.

Biomechanisch betrachtet erklärt sich das hohe Belastungspotenzial leicht. Während der Handstandhaltung wirken starke dorsale Momente auf das Handgelenk. Diese erfordern eine isometrische Aktivierung der Flexoren – insbesondere des Flexor carpi radialis –, um das Gleichgewicht zu stabilisieren. Gleichzeitig kontrahieren die Extensoren antagonistisch, um das Gelenk zu sichern. Bei dynamischen Varianten wie dem „Press-to-Handstand“ steigen die wirkenden Kräfte im Handgelenk stark an.

Training schützt nicht automatisch

Trainingsmerkmale wie die Häufigkeit der Handstandpraxis, die Dauer der Erfahrung, Warm-up-Routinen oder der Einsatz von Handgelenksbandagen und Griffhilfen hatten keinen signifikanten Einfluss auf die Schmerzprävalenz. Auch Disziplinen wie Capoeira oder Akrobatik, in denen häufige und dynamische Inversionen zum Repertoire gehören, zeigten zwar tendenziell höhere Schmerzraten – signifikant war dieser Zusammenhang jedoch nicht.

Die Studienautoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass nicht die reine Trainingsmenge entscheidend ist, sondern vielmehr Faktoren wie Technik, individuelle Biomechanik oder plötzliche Laststeigerungen. Wer zusätzlich hochbelastende Bewegungen wie den Planche trainierte – eine äußerst anspruchsvolle Übung, bei der der Körper horizontal über dem Boden gehalten wird, ohne dass die Füße ihn berühren –, hatte nicht häufiger Schmerzen. Möglicherweise liegt das daran, dass diese Bewegungsformen meist erst mit entsprechender Erfahrung erlernt werden, was ein besseres Belastungsmanagement beinhaltet.

Auch geschlechtsspezifische Unterschiede zeigten sich. Zwar litten Frauen nicht häufiger unter Schmerzen, aber sie setzten deutlich häufiger auf aktive Schmerzstrategien wie Pausen oder ergänzende Maßnahmen. Männer neigten eher dazu, trotz Beschwerden weiterzutrainieren.

Die anatomischen Besonderheiten des Handgelenks könnten eine zusätzliche Rolle spielen. So begünstigen Faktoren wie positive oder negative ulnare Variationen, Hypermobilität oder eingeschränkte Extensionsfähigkeit Überlastungsschäden an Bandstrukturen, dem TFCC oder den Flexorensehnen. Auch die enge artikuläre Geometrie des Handgelenks macht es anfällig für Instabilitäten bei axialer Belastung in Hyperextension.

Relevanz für Training und Praxis: Prävention neu denken

Die Studie macht deutlich, dass klassische Präventionsmaßnahmen wie häufiges Üben, Aufwärmen oder Stützen allein nicht ausreichen, um chronischen Handgelenksschmerzen vorzubeugen. Vielmehr scheint es notwendig, die Belastbarkeit des Handgelenks gezielt zu trainieren – etwa über Mobilitäts-, Kraft- und Propriozeptionsübungen – und dabei individuelle anatomische und biomechanische Voraussetzungen zu berücksichtigen.

Für Sportmediziner, Therapeutinnen und Trainer stellt sich damit die Frage, wie Diagnostik und Betreuung von Handstandübenden verbessert werden können. Bisher fehlt es an standardisierten Screenings oder evidenzbasierten Trainingsprotokollen zur Verletzungsprophylaxe im Bereich der Handgelenke. Künftige Studien sollten daher neben Selbstauskünften auch bildgebende Verfahren und klinische Befunde einbeziehen. Nur so lässt sich klären, welche pathologischen Strukturen tatsächlich betroffen sind – und wie diesen effektiv vorgebeugt werden kann.

■ Hutterer C

Quellen:

  1. Martonovich N, Maman D, Mahamid A et al. The Wrist as a Weightbearing Joint in Adult Handstand Practitioners: A Cross-Sectional Survey of Chronic Pain and Training-Related Factors. J Funct Morphol Kinesiol. 2025; 10: 372. doi:10.3390/jfmk10040372