Effekte von HIIT auf die anaerobe Geschwindigkeitsreserve
Hochintensives Intervalltraining (HIIT) ist eine gängige Maßnahme im Laufsport. Jedoch variiert die Toleranz gegenüber dieser Trainingsform von Athlet zu Athlet erheblich. Um diese Toleranz zu bestimmen, werden klassischerweise aerobe Parameter wie die maximale Sauerstoffaufnahme VO₂max oder die maximale aerobe Geschwindigkeit (maximal aerobic speed/MAS) herangezogen. Zunehmend rückt jedoch eine weitere Messgröße in den Fokus, die auch neuromuskuläre, koordinative und glykolytische Leistungsanteile abbildet: die anaerobe Geschwindigkeitsreserve (anaerobic speed reserve/ASR), definiert als Differenz zwischen maximaler Sprintgeschwindigkeit (maximal sprint speed/MSS) und MAS. Ein deutsch-französisches Forschungsteam hat nun im Rahmen einer Prä-Post-Interventionsstudie den Zusammenhang zwischen der ASR, der prozentualen relativen ASR (%ASR, Maß für individuelle Anstrengung) und akuten Reaktionen auf ein MAS-basiertes Kurzintervall-HIIT untersucht (1).
Für die Studie absolvierten 18 hochtrainierte Nachwuchsläufer (Alter: 15,8 ± 0,9 Jahre; 7 weiblich) nach Bestimmung ihrer jeweiligen MSS und MAS ein standardisiertes HIIT-Protokoll. Als biochemische, neuromuskuläre und kardiale Leistungsparameter dienten die Kreatinkinase/CK, der Reactive Strength Index/RSI, die Sprungleistung beim Countermovement Jump/CMJ und die Herzfrequenz-Erholung/HRR. Ebenfalls erhoben wurde das subjektive Befinden der Probanden vor und nach der Intervention bezüglich Ermüdung, Erholung und weiteren belastungsabhängigen Faktoren.
Aus den Ergebnissen lässt sich konsistent ablesen, dass die anaerobe Geschwindigkeitsreserve ASR und %ASR eng mit akuten Belastungsreaktionen verbunden sind. So stieg etwa bei Athleten mit niedriger ASR unter höherer %ASR die CK stärker an als unter geringerer Anstrengung. Eine gleichzeitig niedrige ASR und MSS, nicht jedoch niedrige VO₂max oder MAS, gingen außerdem zu Lasten des RSI und der Sprunghöhe beim CMJ – ein Hinweis darauf, dass HIIT für diese Gruppe nicht kardial, aber dafür neuromuskulär belastender ist. Als möglichen Grund dafür führen die Autoren interindividuelle Unterschiede bezüglich der Muskelfasertypologie und Muskelpufferung an: Personen mit höheren ASR- und MSS-Werten haben wahrscheinlicher mehr schnellzuckende Muskelfasern und damit eine größere Toleranz gegenüber metabolischer Azidose. Hinzu kommt, dass bei insgesamt geringerer neuromuskulärer Leistungsfähigkeit durch niedrige ASR auch die Muskelaktivierung verzögert ist, was hochlastiges Training anstrengender macht und die Marker für Muskelschäden (darunter CK) mehr ansteigen lässt.
Trotz dieser deutlichen Unterschiede in biochemischen und neuromuskulären Reaktionen blieb die kardiorespiratorische Beanspruchung während des Kurz-HIIT ohne Hinweis auf eine ASR-Abhängigkeit bemerkenswert homogen. Dies deutet darauf hin, dass MAS-basierte Intensitätsvorgaben zwar vergleichbare kardiale Belastungen erzeugen, die tatsächlich wirksame interne Belastung jedoch maßgeblich durch den relativen ASR-Anteil bestimmt wird.
Bestätigt werden diese Erkenntnisse auch von der subjektiven Einschätzung der Probanden: Unabhängig von niedriger ASR blieb ihre Gesamtbelastung ähnlich, während differenzierte Parameter wie Fatigue, Leistung sowie Dauer bis zur Erholung stärker abfielen und der empfundene Stress (muskulär und insgesamt) zunahm
In der Gesamtschau verdeutlichen die Daten, dass ein identisches, rein an der MAS orientiertes HIIT bei Athleten mit niedriger ASR eine vergleichsweise höhere körperliche Belastung induziert. Zwar greift die alleinige Orientierung an der ASR zwecks individueller Belastungssteuerung zu kurz, doch könnte man sie als sinnvollen Ansatzpunkt für präzisere Belastungsreize und eine Reduktion von Überlastungsrisiken nutzen. Zudem könnte man Laufsportler anhand geeigneter Parameter ganz grundsätzlich in die am besten zu ihnen passende Disziplin einteilen, z. B. ASR + MSS + MSS = Sprint und ASR¯ + MSS¯ + MSS = Ausdauerlauf.
■ Kura L
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Quellen:
Thron M, Ruf L, Buchheit M, et al. Anaerobic speed reserve and acute responses to a short-format high-intensity interval session in runners. J Sci Med Sport. 2025; 28: 408-417. doi:10.1016/j.jsams.2024.12.012