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Fortsetzung Schwimmer & Werfer: Schulterprobleme bei Überkopf-Sportarten

Muskuläre Dysbalance als eine Ursache

Die Schulter ist bekanntlich das Gelenk mit der größten Beweglichkeit, weil das Schulterdach die Bewegung nicht bei 90 Grad begrenzt. Die Stabilisierung des Oberarmkopfes in der »filigranen« Gelenkpfanne wird nur über die Muskulatur der Rotatorenmanschette, also den vier Muskeln der Schulterblattmuskulatur, erreicht. Bei Überkopfaktivitäten, wie sie beim Schwimmen, aber auch beim Werfen und einigen anderen Sportarten typisch sind, kann unter bestimmten physiologischen Voraussetzungen, durch hohe Trainingsbelastung oder unsaubere Technik der Humeruskopf den Schleimbeutel und/oder die darunterliegende Supraspinatussehne »quetschen«, was zu den typischen Schmerzen vor allem auf der Vorderseite des Schultergürtels führt.

Ob die Entstehung wirklich so vereinfacht betrachtet werden kann, wird heute stark diskutiert. Der Grund für diese Verletzung liegt sehr häufig in muskulären Dysbalancen der Muskeln der Rotatoren­manschette. Beim Schwimmer erfolgt der Vortrieb zum überwiegenden Teil durch Innenrotation, wodurch diese Muskeln überdurchschnittlich ausgebildet werden, während ihre Antagonisten weniger trainiert werden. »Es ist wichtig, dass schon ab drei Trainingseinheiten à ca. 1,5 Stunden in einem vorgeschalteten Trockentraining prophylaktisch genau diese Aspekte adressiert werden. Mit dem Theraband lassen sich die Muskeln des oberen Rückens und die Außenrotatoren gezielt kräftigen. Im Wasser muss natürlich auch auf die Technik geachtet werden«, betont Dr. Dotzel.

Die Handposition beim Eintauchen ist kritisch

Eine ältere Untersuchung hat die Aktivität der beim Schwimmen beteiligten Muskeln beim gesunden und beim schulterschmerzgeplagten Schwimmer verglichen. Besonders die Aktivität von M. subscapularis, M. rhomboideus, Serratus anterior und anteriorem Deltoidmuskel unterschieden sich zum Teil deutlich (6). Die Schwimmtechnik betreffend haben Analysen gezeigt, dass das Eintauchen der Hand beim Freistilschwimmen bei Frauen in den meisten Fällen (70 Prozent) oberhalb der Schulter stattfindet, während Männer in der Regel (80 Prozent) auf Schulterhöhe oder daruntereintauchen (2).

Durch die hohe Lage der Hand im Verhältnis zur Schulter ergibt sich eine maximal ungünstige Stellung für das Gelenk sowie eine verlängerte Zeitspanne in dieser Position. Frauen verbleiben demnach bis zum Beginn des Armzuges 0,28 Sekunden in der Position, während Männer diese bereits nach 0,12 Sekunden beginnen. In der Folge ist auch die Vortriebskraft geringer. Eine hohe Handstellung relativ zur Schulter hat somit mehrere Nachteile: Mehr Anstrengung ist für den Zug nötig, bei jedem Zug werden zwischen 0,1 und 0,3 Sekunden an Zeit verschenkt (was sich negativ auf die Geschwindigkeit auswirkt) und die Schulter steht unter großem Stress. Ein tieferes Eintauchen der Hand und der sofortige Beginn des Armzugs schont somit die Schulter.

Die Analyse zeigt auch, dass besonders Frauen einem erhöhten Risiko für ein Schulterimpingement ausgesetzt sind. Das Impingement beschreibt die schmerzhafte Einklemmung von Weichteilen wie Sehnen, Kapsel­anteilen oder Schleimbeuteln innerhalb eines Gelenkspalts. Dadurch wird die Beweglichkeit des Gelenks eingeschränkt. Frauen leiden im Schnitt zu drei Zeitpunkten während ihrer Schwimmkarriere häufiger unter Schulterbeschwerden: Erstens während der mittleren Adoleszenz (ca. 14 – 15 Jahre), wenn das Körpergewicht zunimmt, die Armkraft daran aber noch nicht angepasst ist. Dann während der späten Adoleszenz (ca. 18 Jahre), wenn erneut eine Diskrepanz zwischen Körpergewicht und der Arm- und Rumpfkraft besteht. Und schließlich mit Anfang bis Mitte 20, wenn die Trainingsumfänge massiv ansteigen. Männer haben nur zwei solche typischen Phasen – während der Wachstumsphase in der Pubertät und um das 20. Lebensjahr herum (1).

Interessanterweise hatte Dr. Dotzel während seiner langjährigen Arbeit mit Schwimmern vorwiegend männliche Patienten mit Schulterproblemen: »Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Das hängt auch nicht mit dem Alter zusammen. Jede Altersgruppe kommt gleich häufig. Spannend ist die Situation beim Wettkampf. Da habe ich Schwimmer erlebt, die im Training keine Probleme hatten, im Wettkampf aber dann Schmerzen und eine Symptomatik an den Tag legten wie Patienten mit kompletten Sehnenabrissen. Das betrifft nicht nur den Supraspinatus, sondern auch den Infraspinatus.« Offenbar befördert die maximale Belastung eine starke Entzündungsreaktion, die in der Trainingsphase nur occult vorhanden war. »Dann helfen kurzfristig nur Medikamente. Viele Athleten sprechen interessanterweise stark auf eine Kombination aus NSAR mit lokalen Injektionen mit einem in der Sportmedizin gerne angewendeten homöopathischen Mittel an«, erklärt Dr. Dotzel seine Beobachtungen. (Weiter im Text auf der nächsten Seite)