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In 20 Minuten fit und schlank? Pro und Contra Elektromyostimulation

Wie Pilze sprießen die kleinen Studios aus dem Boden, in denen EMS-Training für jedermann angeboten wird: »Warum ständig trainieren, wenn 20 Minuten reichen?« Selbst bei einem Kaffeeröster mit angeschlossenem Shop konnte man bereits einen elektrischen Bauchmuskelstimulierer für 29,95 Euro erwerben. Der Einsatz von elektrischen Reizen zum Aufbau von Muskulatur ist seit Langem etabliert und wird bereits seit vielen Jahrzehnten in der Rehabilitation eingesetzt. Dass EMS den Aufbau von Muskulatur unterstützt, steht außer Frage. Doch wie sinnvoll ist EMS als alleinige Trainingsmethode im Fitnessbereich wirklich?

In 20 Minuten fit und schlank? Pro und Contra Elektromyostimulation
© contrastwerkstatt

Pro Elektromyostimulation: Prof. Dr. Wolfgang Kemmler

Ganzkörper-Elektromyostimulation (WB-EMS) ist eine Trainingstechnologie, die polarisiert. Was rechtfertigt eigentlich die zunehmende Popularität dieser deutschstämmigen Applikationsform? Herausragendes Merkmal des WB-EMS ist die Möglichkeit, alle großen Muskelgruppen flächig und simultan mit jeweils dezidierter Reizhöhe/Stromstärke zu aktivieren. Durch die geringe Applikationshäufigkeit (1–1,5 Mal pro Woche) steht mit WB-EMS somit eine extrem zeiteffektive Trainingsmethode zur Verfügung. Wie steht es jedoch um die relative Effektivität dieser Applikation auf fitness- und gesundheitsorientierte Zielgrößen des gesunden Menschen? Adressiert man zunächst die Muskelmasse und (Maximal-)Kraft, so liegen die Wirk­effekte des WB-EMS im Bereich des etwas zeitaufwändigeren HIT-Krafttrainings (20–30 vs. 60–80 min/Woche).

Ebenfalls vergleichbare signifikante Effekte zeigen sich für die gesamte und abdominale Fettmasse. Faktisch sind also die beiden Trainingsmethoden HIT und WB-EMS durchaus ähnlich effektiv. Der Großteil der Bevölkerung zeigt aus unterschiedlichen Gründen allerdings wenig Enthusiasmus für intensive konventionelle Trainingsprotokolle im gängigen Setting. Genau hier liegt ein Erfolgsfaktor der relativ exklusiven und komfortablen WB-EMS-Technologie begründet. Faktisch ist die WB-EMS-Applikation im derzeitigen Setting als »Personal Training« zu betrachten; ein Aspekt, der die Attraktivität, Effektivität und Teilnehmerbindung nochmals erhöht.

Adressiert man abschließend die Sicherheit des WB-EMS, so sind nach vorsichtiger initialer Belastungsprogression, gewissenhafter Intensitätssteuerung und angemessener Trainingsvorbereitung keine »gesundheitlich bedenklichen« Nebeneffekte zu erwarten. Auch die überdauernde WB-EMS-Applikation scheint nach heutigem Stand der Dinge als unbedenklich. Zusammenfassend sehe ich somit WB-EMS als Bereicherung der fitnessorientierten Trainingslandschaft und eine Option für Menschen, die konventionelle (Kraft-)Trainingsprotokolle nicht absolvieren können oder möchten.

Prof. Dr. Wolfgang Kemmler, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg © Kemmler