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Fortsetzung Potenziale der Individualisierung im Sport und Gesundheitscoaching stärker nutzen

Im Gesundheitssport, welcher das Ziel der Erhaltung der Gesundheit und Stärkung von Gesundheitsressourcen hat, haben die bisherigen Empfehlungen der WHO und anderer Fachgesellschaften nur allgemeinen Charakter. Sie beschränken sich auf Umfangs- und Intensitätsangaben zur körperlichen Aktivität (z. B. 150 min/Woche in moderater Intensität) und geben lediglich globale Hinweise zum Krafttraining (Training großer Muskelgruppen, mindestens zweimal pro Woche). Die Altersstruktur wird kaum berücksichtigt. Zwischen den Altersbereichen 5-17 Jahre, 18-64 Jahre und über 64 Jahre unterscheiden sich die WHO-Empfehlungen minimal. Differenzierte Angaben zum Training der Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Koordination fehlen.

Keine Aussagen werden zur Proportionierung der motorischen Fähigkeiten für Kinder, Jugendliche, Erwachsene sowie für alte und sehr alte Menschen getroffen. Ein Trainingsprogramm für eine gesunde 75-jährige Frau oder eines 75-jährigen Mannes muss anteilig mehr auf Koordination (Sensomotorik, Neuroplastizität), Beweglichkeit und Kraft ausgerichtet sein im Vergleich zum Präventivprogramm für Berufstätige im mittleren Lebensalter (30-50 Jahre). Letztere werden ihre Leistungsfähigkeit und Gesundheit eher über ein aerobes Ausdauertraining stärken können, weil diese Form der Belastung einer beispielsweise sitzenden Tätigkeit oder beruflichen Stress effektiver entgegenwirkt.

Die Forschung der letzten Jahre hat enorme Fortschritte u.a. in der Herzkreislauf-, Diabetes-, Alzheimer- und Krebsprävention durch körperliches Training gemacht. Doch damit diese Erkenntnisse eine hohe Wirkung in der Praxis erzielen können, ist eine Individualisierung der Trainingsprogramme unter Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit erforderlich.

Im Rehabilitationssport, welcher das Ziel der Wiederherstellung der Gesundheit hat, werden seit vielen Jahren Therapieprogramme für verschiedene Krankheitsbilder entwickelt. Auch hier zeigt sich, dass die erfolgreiche Umsetzung des Therapie- bzw. Rehabilitationsplans in die Praxis nur dann gelingt, wenn die ärztliche Diagnose und die spezielle Krankengeschichte des Patienten Berücksichtigung finden. Der Therapeut hat die Aufgabe, das Therapieprogramm auf den Patienten individuell anzupassen und die Trainingsbeanspruchung unter Einsatz von Biofeedbackgeräten zu kontrollieren. Hilfreich wären zudem individuelle Therapieprogramme, die der Patient außerhalb der Behandlungszeit selbstständig umsetzen kann. Hierbei könnte der Einsatz von Wearables das Coaching erleichtern und die Compliance verbessern.

Belastungs-Beanspruchungs-Modell zur Individualisierung des Trainings

Das Training ist in seiner Komplexität nicht mit einfachen Modellen im Sinne einer linearen Reizantwort oder einem kybernetischen Regelkreismodell steuerbar. Zwischen der vorgegebenen Trainingsbelastung und der resultierenden Beanspruchung wirken zahlreiche Modulatoren bzw. Einflussfaktoren. Auf der Basis der Selbstorganisation zentralnervaler und molekularer Prozesse kommt es infolgedessen zu vielseitigen Interaktionen. Das Modell der Belastungs-Beanspruchungs-Regulation (9) berücksichtigt die wesentlichen Modulatoren, die für eine optimale Individualisierung des Trainings notwendig sind. Der Begriff der Belastung ist als die Summe aller auf den Sportler einwirkenden Trainingsanforderungen einschließlich der biomechanischen und psychischen Belastungen aufzufassen. Die Beanspruchung äußert sich in der unterschiedlichen Inanspruchnahme der organismischen Funktionssysteme und ist abhängig von den emotionalen und volitionalen Leistungsvoraussetzungen.

Die reizwirksame Trainingsbelastung löst immer zuerst eine bestimmte Beanspruchung in den beteiligten Funktionssystemen aus. Da gleiche Trainingsbelastungen individuell unterschiedliche Beanspruchungen auslösen, sollte eine Steuerung des Trainings sowohl über die vorgegebene Belastung als auch über die durch sie hervorgerufene körperliche Beanspruchung erfolgen. Für die Erfassung der Beanspruchungsreaktionen eigenen sich Selbst- und Fremdbeobachtungen sowie biologische Messgrößen. Für letztere bieten sich einfach handhabbare Wearables an, mit denen eine bis zu 24-h-Überwachung des Athleten (Phasen der Aktivität bzw. Inaktivität, Schlafrhythmen, u.a.) möglich ist. Aus diesen Daten lassen sich Aussagen zur Belastbarkeit bzw. eingeschränkten Belastbarkeit treffen, welche wichtige Indikatoren zur gezielten Reizsetzung und zur Vermeidung von Überbelastungen sind.

Das autonome Nervensystem (ANS) als Hauptintegrationssystem für die Vielzahl von afferenten Signalen kann zur Individualisierung des Trainings durch die Erfassung seiner Aktivität während der Trainings- und Erholungsphasen wesentlich beitragen. Bisherige Studien belegen, dass sich ein guter Erholungszustand in hohen vagalen Parametern der Herzfrequenzvariabilität (HRV) zeigt (10, 11) und als Voraussetzung für intensives Training anzusehen ist. Anhand prospektiv randomisiert-kontrollierter Trainingsstudien konnte gezeigt werden, dass mit einem HRV-Monitoring die Leistungsentwicklung in Ausdauersportarten positiv beeinflusst werden kann (2). Retrospektive Trainings- und HRV-Analysen belegen, dass vagale HRV-Parameter geeignet sind, ein funktionales oder nicht funktionales Overreaching (NFOR) zu detektieren (2, 12).