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Fortsetzung Gesundheitsförderung – eine Vision und Aufgabe für die nächsten 10 Jahre

Blick in die Zukunft

Aber wie genau sollten gesundheitsförderliche Lebenswelten in Deutschland in der (nahen) Zukunft aussehen? Prävention und Gesundheitsvorsorge müssen für alle Bürger erlebbar und Alltag werden. Hierfür ist es wichtig, Best-Practice-Beispiele zu etablieren und flächendeckend umzusetzen (2). Praxisnahe Konzepte müssen partizipativ erarbeitet, realisiert und etabliert werden. Prävention muss im Alltag verankert werden und direkt bei den Bürgern ankommen; denn nur Programme und Konzepte, die bekannt sind, können genutzt werden und nur was genutzt wird, kann Erfolge erzielen. Gesundheitsförderung muss konkret werden. Dazu zählt auch das aus den USA kommende Konzept von „Exercise is medicine“, bei welchem (Haus-)Ärzte die Frage nach der regelmäßigen körperlichen Aktivität ihrer Patienten in jeden Besuch integrieren, darauf eingehen und Bewegung verschreiben.

Viele Determinanten von Gesundheit bzw. Krankheit können aktiv verändert werden, nur ist hierfür ein umfassender Ansatz notwendig, da sich viele Determinanten wechselseitig beeinflussen. Deshalb muss jegliche Prävention und Gesundheitsförderung als ein komplexes, gesellschaftlich basiertes Konstrukt angesehen werden, welches für eine bevölkerungsweite Wirkung auf vielen Ebenen zugleich ansetzen muss. Besonders erfolgsversprechend scheinen Mehrebenen-Interventionen, bei welchen politisch-strukturelle Maßnahmen mit Beratungs- und Informationsangeboten, Öffentlichkeitsarbeit sowie der Koordination von Maßnahmen vor Ort kombiniert werden (9).

Da Gesundheits- und Bewegungsverhalten bereits in jungen Jahren geprägt werden und schwer zu ändern sind, muss besonders ein gesundes Aufwachsen durch die Kooperation verschiedener Settings bzw. Sozialisationsinstanzen unterstützt werden. Weltweit sind mehr als 80% der 11-17-Jährigen nicht ausreichend aktiv (4), in Deutschland sind es sogar 88% der Mädchen und 80% der Jungen (4). Bewegungsförderung muss daher von Beginn an im Lebensalltag integriert bzw. in verschiedenen Settings verankert sein. So müssen Eltern über die Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung bereits bei den ersten U-Untersuchungen informiert werden und schon im Krippenalter müssen Gesundheitsförderkonzepte umgesetzt werden, welche im Kindergarten- und Schulalter weitergeführt werden. Die tägliche Sportstunde, die oft gefordert wird und z. B. in den USA etabliert ist, wo es als „Mittel“ gegen die jugendliche Inaktivität gilt, ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Untersuchungen in Deutschland zeigten, dass sich Kinder pro Sportstunde nicht mehr als 8,5 Minuten im von der WHO geforderten moderaten bis intensiven Bereich bewegen (6). Der aktive Schulweg hingegen kann gesundheitsförderliche Aspekte haben (7).

Dafür müssen Kommunen strukturell durch verkehrspolitische Maßnahmen wie den Ausbau der Radwege und die Bereitstellung von unkomplizierten, preiswerten Fahrradleihsystemen körperliche Bewegung realisierbar machen. Gesunde und sichere Bewegung im Alltag muss durch entsprechende Gestaltung der Lebenswelten realisiert werden. Durch Kooperation verschiedener Politik- und Gesellschaftsbereiche müssen gesundheitsförderliche Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle Bevölkerungsschichten erreicht werden, um so für gesundheitliche Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern und sozioökonomischen Gruppen, unabhängig von Alter und Herkunft, zu sorgen.

Da dies auch eine ärztliche Aufgabe ist, muss zusätzlich das Medizinstudium von den bisher fast ausschließlich kurativ geprägten Inhalten wegkommen und den präventiven Ansatz deutlich ausbauen, um dessen Bedeutung und Chancen für die Patienten stärker vermitteln. Ärzte müssen sich diesbezüglich regelmäßig fortbilden und – wie im Präventionsgesetz (8) gefordert – informiert sein, welche regionalen Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung bestehen. Nur so ist es innerhalb der zeitlichen Ressourcen möglich, inhaltlich in der Lage zu sein, Patienten fundiert individuell passende Prävention anzubieten bzw. ihnen Werkzeuge oder Kontaktadressen an die Hand geben zu können.

Krankenkassen müssen unterdessen regelmäßige Vorsorge und Gesundheits-Checks von einem jungen Alter an anbieten und gemeinsam mit Kommune und Arbeitgebern Lebensumstände schaffen, die gesundheitsförderlich und attraktiv sind. Derzeit geben die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland nur rund drei Prozent ihres Budgets für Prävention aus (1). Kostengünstige, mediale Unterstützungssysteme müssen entwickelt, eingesetzt und betreut werden, um so Handlungsalternativen zu liefern und zu verstetigen, um die öffentliche Gesundheitskompetenz nachhaltig zu stärken. (Weiter im Text mit Seite 3 von 3)