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Fortsetzung Faszien: Das neue Organ und Multitalent

Faszien und Schmerz

In den letzten Jahren wurde v.a. von Prof. Dr. Helene Langevin (University of Vermont) und Prof. Dr. Siegfried Mense (Universität Heidelberg) herausgefunden, dass Faszien reichhaltig innerviert sind. So unterstützen sie die Propriozeption. Daher spricht man inzwischen auch vom größten Sinnesorgan des Menschen. Faszien enthalten verschiedene Typen von sensorischen Nervenendigungen und Nozizeptoren. Nun lassen sich auch viele Schmerzzustände in anderem Licht betrachten. Besonders für die Lendenfaszie wurde inzwischen gezeigt, dass sie Überlastungsschäden wie Mikrorupturen, Hernien und entzündliche Ödeme – klassische Auslöser von Schmerz – erfahren kann. Daher ist es naheliegend, dass z.B. die Lendenfaszie eine Quelle von Schmerzen sein kann. Zudem zeigten Mense und seine Kollegen, dass faszialer Rückenschmerz dem chronischen Rückenschmerz in seiner Intensität und Qualität ähnlich ist und, im Gegensatz zu Muskelschmerzen, mit einer hohen Leidensqualität einhergeht. Was die Zuordnung und Lokalisierung der Schmerzquelle allerdings erschwert, ist die Tatsache, dass Schmerzen in der Lumbalfaszie auch dann initiiert werden können, wenn die Schmerzursache in einem anderen, angrenzenden Gewebe (z.B. Muskel) beheimatet ist. »Vieles deutet darauf hin, dass von den 80 Prozent der idiopathischen Rückenschmerzen, die nicht über die Bandscheiben erklärt werden können, wahrscheinlich ein erheblicher Teil von der Lumbalfaszie ausgeht«, erklärt der Faszienforscher Dr. Schleip.

Mensch und Känguru im Vergleich

Ein Fünftel unseres Innenlebens besteht also aus faszialem Bindegewebe, das Schmerz weiterleiten kann. Doch wofür brauchen wir es? Das fasziale Bindegewebe, das den ganzen Körper durchzieht und Muskeln und Organe umhüllt, ist dafür verantwortlich, dass der Körper seine Form behält. Selten setzen Muskeln direkt am Knochen an. Viel häufiger beginnen und enden sie an Sehnenplatten, die einerseits an mehreren Knochen oder flächig am Knochen ansetzen. Dadurch wird die Kraft, die durch einen Muskel punktuell auf den Knochen ausgeübt werden würde, von nachgiebigem Gewebe umverteilt. Das so genannte weiße Gewebe kann sich zudem langsam versteifen und erweichen und sich auf diese Weise an stressvolle Umgebungsbedingungen adaptieren. Eine weitere wichtige Funktion ist die des Energiespeichers. »Sehnen können Bewegungsenergie aufnehmen und abgeben. Die so genannte Storage Capacity (Speicherkapazität) beträgt für die Achillessehne beim gut trainierten Menschen zwischen 92 und 94 Prozent. Das ist genauso hoch wie beim Känguru«, erklärt Dr. Schleip. »Allerdings natürlich nicht beim Stubenhocker!« Doch die Speicherkraft im Kollagengewebe lässt sich trainieren. Je höher sie ist, z.B. bei jungen Menschen oder Sportlern, desto mehr Wellen (Crimps) durchziehen die Kollagenfasern und bilden die Grundlage für Sprung- und Schnellkraft. (Weiter im Text auf der nächsten Seite)

Training mit Faszienrolle
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