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ADHS: Neue Erkenntnisse stellen Therapie bei Sportlern in Frage

ADHS: Neue Erkenntnisse stellen Therapie bei Sportlern in Frage
ADHS als Dopingvorwand? Eine entsprechende Diagnose hat oft die Behandlung mit Methylphenidat zur Folge. Das Medikament steht auf der Dopingliste. In den USA vervierfachte sich im Jahr 2006 die Zahl der ADHS-Diagnosen in der Baseball Major League – in diesem Jahr wurde das Verbot von Stimulanzien verabschiedet.
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Die vorherrschende Meinung zu ADHS ist, dass es sich um eine Krankheit handelt, die in der Kindheit beginnt und bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Wird ADHS erst beim Erwachsenen diagnostiziert, so nahm man an, dass die Erkrankung bereits in der Kindheit bestand, die Symptome aber nicht sehr ausgeprägt waren oder die Belastung retrospektiv vergessen wurde.

Wenngleich diese Annahmen logisch erscheinen, so gab es bisher keine prospektive Längsschnittstudie, welche die Kindheit von im Erwachsenenalter diagnostizierten ADHS-Patienten untersucht hat. Moffitt et al. (2) haben sich dieser Thematik angenommen und sich einer repräsentativen neuseeländischen Kohorte bedient. Von 1037 Kindern der Geburtsjahrgänge 1972–73 wurde bis zum Alter von 38 Jahren regelmäßig (im Alter von 3, 5, 7, 9, 11, 13, 15, 18, 21, 26, 32 und 38 Jahren) eine Vielzahl von Parametern erfasst. Neben den Aussagen der Teilnehmer wurden auch Eltern, Lehrer und Bekannte befragt sowie neuropsychologische Tests durchgeführt.

ADHS-Erwachsene waren fast nie ADHS-Kinder

Die Prävalenz der ADHS lag bei den Kindern bei sechs Prozent, bei den Erwachsenen bei drei Prozent. Überraschend war für die Wissenschaftler jedoch, dass die Diagnosen bei Kindern und Erwachsenen nicht deckungsgleich waren. Von den Kindern mit ADHS erhielten nur fünf Prozent (drei Personen) als Erwachsene noch die Diagnose. Diese drei Personen machten aber nur zehn Prozent der ADHS-Kohorte im Alter von 38 Jahren aus. Die übrigen ADHS-Erwachsenen hatten in der Kindheit keine Diagnose bekommen. Auch im Rückblick wurde festgestellt, dass die ADHS-Erwachsenen in ihrer Kindheit keine Symptome hatten, also nicht undiagnostiziert geblieben waren.

Zwei unterschiedliche Formen der ADHS?

Auch andere Untersuchungen waren bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass von ADHS-Diagnosen in der Kindheit nur etwa 16 Prozent bis ins Alter von über 20 Jahren erhalten bleiben. Umgekehrt wusste man bisher nicht, ob die Diagnosen, die erst im Erwachsenenalter gestellt wurden, in der Kindheit übersehen wurden. Die Daten der neuseeländischen Kohorte zeigen jedoch, dass sich Personen, die als Erwachsene erstmals die Diagnose erhielten, in vielen Aspekten (Ausbildung, IQ, Erfolg im Beruf u. a.) von Personen unterscheiden, die ADHS seit der Kindheit haben. Die Autoren stellen daher die Hypothese auf, dass ADHS beim Erwachsenen eine andere Ätiologie hat als ADHS beim Kind. Demnach würde es sich um zwei unterschiedliche Krankheiten handeln.