Positives Altersbild begünstigt bessere kognitive und körperliche Funktionen
Die allgemeine Überzeugung, dass Altern zwangsläufig mit kognitivem und körperlichem Abbau gleichzusetzen ist, wird von einer aktuellen Längsschnittanalyse aus der US-amerikanischen Health and Retirement Study infrage gestellt. Im Gegensatz zu anderen Altersstudien kamen hierbei analytische Instrumente zum Einsatz, die auch positive gesundheitliche Verläufe erfassen – in diesem Fall über einen Zeitraum von bis zu 12 Jahren. Primärer Endpunkt der Arbeit war die Frage, ob eine individuell positive Einstellung gegenüber dem Altwerden Verbesserungen der kognitiven und physischen Gesundheit fördern kann (1), was das Autorenteam aufgrund einer früheren eigenen Feldstudie als realistisch annahm.
Für die vorliegende Studie flossen die Daten von 11 314 Personen (59,1 Prozent Frauen; medianes Alter 68,1 Jahre) in die kognitive und die Daten von 4638 Personen (58,4 Prozent Frauen; medianes Alter 74 Jahre) in die körperliche Leistungsanalyse ein. Die Versuchsanordnung war vergleichsweise einfach: Zu Studienbeginn wurden altersbezogene Überzeugungen mithilfe einer validierten Skala erfasst. Die kognitive Funktion wurde über den Telephone Interview for Cognitive Status (TICS) bewertet, die körperliche Funktion über die Gehgeschwindigkeit auf einer 2,5-Meter-Strecke. Als Verbesserung galt, wenn der letzte verfügbare Wert über dem Ausgangswert lag.
Das Ergebnis: Zwischen Baseline und Beobachtungsende zeigte sich bei 32 Prozent aller Teilnehmenden eine verbesserte Kognition und bei 28 Prozent eine höhere Gehgeschwindigkeit. Als die Forscher gezielt Personen selektierten, die zu Beginn besonders positive Altersüberzeugungen geäußert hatten, erhöhten sich die Werte in dieser Gruppe auf rund 51 Prozent (kognitive Verbesserung) und 38 Prozent (Gehgeschwindigkeit). Bemerkenswert ist dabei: Wurden die Daten wie in vielen Altersstudien gemittelt, zeigte sich insgesamt ein Rückgang, der die allgemein pessimistische Annahme zum Verlauf des Alterns bestätigt. Erst die differenzierte Betrachtung der individuellen Verläufe mit Fokus auf Verbesserung machte sichtbar, dass ein relevanter Teil der älteren Menschen nicht nur stabil blieb, sondern funktionell zulegte.
Positive Altersbilder sagten diese Verbesserungen auch nach Adjustierung für relevante Einflussfaktoren für beide untersuchten Bereiche voraus. Sensitivitätsanalysen mit strengeren Kriterien sowie Analysen bei Personen mit normaler Ausgangsfunktion bestätigten das Muster.
Für Prävention, Rehabilitation und Geriatrie ist vor allem die Botschaft relevant, dass funktionelle Verbesserung im höheren Alter nicht nur ein Sonderfall lebenslanger Gesundheitsorientierung oder nach behandeltem Defizit ist. Die Daten aus der vorliegenden Studie belegen keine kausale Wirkung einer positiven Wahrnehmung vom Altern, sprechen aber klar gegen therapeutischen Fatalismus. Gerade bei älteren Patienten bleibt die realistische Erwartung von Verbesserung ein klinisch relevanter Faktor.
Kura L
Quellen:
Levy BR, Slade MD. Aging Redefined: Cognitive and Physical Improvement with Positive Age Beliefs. Geriatrics (Basel). 2026; 11: 28. doi:10.3390/geriatrics11020028