Muskelkrämpfe: Pathophysiologie, Prävention und Behandlung

Muskelkrämpfe: Pathophysiologie, Prävention und Behandlung
© Tom Wang / Adobe Stock

Trainingsassoziierte Muskelkrämpfe (Exercise-Associated Muscle Cramps, EAMCs) treten überwiegend an Muskeln auf, die sich über mehrere Gelenke erstrecken, wie dem Gastrocnemius oder den Hamstrings. EAMCs sind eines der häufigsten klinischen Syndrome bei Sportlern – doch wie sie entstehen, ist nach wie vor nicht genau geklärt. Ein US-amerikanischer Review hat die aktuelle Literatur zum Thema ausgewertet, fasst die derzeit gültige Erkenntnislage zur Pathophysiologie zusammen und gibt evidenzbasierte Empfehlungen zur Prävention und Behandlung belastungsinduzierter Muskelkrämpfe.

Neue Erklärungsmodelle über die Ursachen

Die älteste und hauptsächlich auf klinischen Beobachtungen basierende Theorie der Dehydratation in Kombination mit Elektrolyt-Ungleichgewicht ist heute nicht mehr haltbar. Stattdessen ging man seit 2009 davon aus, dass sich ermüdungsbedingt die afferente Aktivität der Muskelspindel und des Golgi-Sehnenorgans verändern und es dadurch zu einer Übererregung des α-Motorneuronenpools kommt. Diese These wurde mittlerweile um eine multifaktorielle Betrachtung intrinsischer und extrinsischer Risikofaktoren erweitert, welche die neuromuskuläre Kontrolle beeinflussen. Beispiele wären etwa extreme und repetitive Anstrengungslevel, verletzungsbedingte Dekonditionierung, heiße oder heiß-feuchte Umgebungen oder Medikamenteneinnahmen. Erreichen diese einen gewissen Schwellenwert, kommt es zu EAMCs.

Behandlung belastungsbedingter Muskelkrämpfe

Je individueller ein Athlet gegen EAMCs behandelt wird, desto besser sind die Outcomes und desto geringer die Rezidivgefahr. Grundsätzlich muss vorab anamnestisch geklärt werden, ob die Krämpfe andere Ursachen haben könnten, z. B. Allergien, chronische Erkrankungen, Einnahme bestimmter Medikamente, Schlafdefizit, Schmerzen, genetische Disposition oder kohlenhydratarme Ernährung. Konnten diese Faktoren ausgeschlossen werden, besteht die Therapie aus mehreren Bausteinen:

  • Statisches Dehnen des betroffenen Muskels
  • Einnahme einer bequemen, entlastenden Position
  • Schmerzlindernde Anwendungen (Kryotherapie, Massage, elektrische Stimulation/EMS)
  • Maßvolle orale Rehydrierung mittels Wasser oder Kohlenhydrat-Elektrolyt-Drinks
  • Verzehr kleiner Mengen von essigsauren Flüssigkeiten (Saure-Gurken-Sud) oder scharfen Lebensmitteln, die reflektorisch auf oropharyngealem Weg als TRP-Rezeptor-Agonisten fungieren (Chili, Senf, Zimt, Ingwer)

Wenig Klarheit über Präventionsmethoden

Bezüglich Prävention von EAMCs gibt es leider wenig Evidenz. In jedem Fall ist jedoch davor zu warnen, allzu sehr auf Hydratation und elektrolythaltige Sportgetränke zu vertrauen. Diese Strategie kann im Gegenteil gefährliche Hyponatriämien zur Folge haben und sollte deshalb mit Bedacht angewendet werden! Steht der Verdacht übermäßiger Flüssigkeitsverluste im Raum, kann ein Wiegen vor und nach der Trainingseinheit Klarheit bringen. Nur wenn sich bestätigt, dass der Athlet tatsächlich sehr stark schwitzt, sollte die Flüssigkeitsmenge erhöht werden. Auch prophylaktisches Dehnen zeigte in Studien keine signifikanten Effekte auf die Krampfneigung. Lediglich neuromuskuläres Bewegungstraining und Krafttraining sind laut aktueller Studienlage aussichtsreiche Präventionsmethoden. Trainiert werden sollte immer unter Bedingungen, die der Wettkampfumgebung so nah wie möglich kommen. Insgesamt sind ausgewogene Ernährung sowie ein guter physischer Trainingszustand sowie ausreichende Ruhepausen hilfreich, wenn es darum geht, anstrengungsbedingte Muskelkrämpfe zu vermeiden.

■ Kura L

Quellen:

  1. Miller KC, McDermott BP, Yeargin SW, Fiol A, Schwellnus MP. An Evidence-Based Review of the Pathophysiology, Treatment, and Prevention of Exercise Associated Muscle Cramps. J Athl Train. 2021; 57: 5–15. doi:10.4085/1062-6050-0696.20