Multiple Sklerose: Gleichgewicht verbessern mit Sport
Multiple Sklerose (MS) zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen des jungen Erwachsenenalters. Weltweit sind etwa 2,9 Millionen Menschen betroffen – die Tendenz ist steigend. Typisch für die Erkrankung sind nicht nur Fatigue, kognitive Einschränkungen oder Spastik, sondern auch Beeinträchtigungen der posturalen Kontrolle. Rund 60 Prozent der Betroffenen entwickeln innerhalb von 15 Jahren eine schwere Behinderung. Eine der besonders belastenden Folgeerscheinungen sind Gleichgewichtsstörungen. Das Risiko für Stürze ist deutlich erhöht, was wiederum die Angst vor Bewegung verstärkt und eine Spirale aus Inaktivität, Muskelabbau und funktionellem Rückgang in Gang setzen kann. Gleichzeitig sind medikamentöse Therapien bei motorischen Einschränkungen häufig nur begrenzt wirksam. Entsprechend groß ist das Interesse an nicht-medikamentösen Behandlungsstrategien, die gezielt motorische Symptome lindern.
Dass gezielte Bewegung bei MS helfen kann, ist längst bekannt. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse eines Forschungsteams aus China liefert nun Antworten darauf, wie viel und welche Art von Training sinnvoll ist, um das Gleichgewicht spürbar zu verbessern (1). Analysiert wurden 52 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2141 Teilnehmer mit MS. Ziel war es, die Effekte unterschiedlicher Trainingsprogramme auf die Gleichgewichtsfähigkeit zu evaluieren und eine evidenzbasierte Empfehlung zur optimalen Trainingsdosierung abzuleiten.
Primäre Endpunkte waren Veränderungen in der Berg Balance Scale (BBS) und Timed Up and Go Test (TUG) vor und nach der Intervention. Die Ergebnisse sind eindeutig: Sport verbessert das Gleichgewicht signifikant, und zwar unabhängig davon, ob es sich um aerobe, Kraft- oder multimodale Programme handelt. Die mittlere Verbesserung im BBS betrug 4,03 Punkte, im TUG-Test verbesserte sich die Zeit im Schnitt um eine Sekunde – jeweils mit hoher statistischer Signifikanz (p < 0,00001).
Besonders interessant für die praktische Umsetzung ist die Frage nach der optimalen Trainingsdosis. Die Subgruppenanalyse zeigte, wer mindestens dreimal pro Woche jeweils 60 Minuten oder länger trainierte und dabei auf eine wöchentliche Gesamttrainingszeit von mindestens 180 Minuten kam, profitierte am meisten. Auch die Dauer der Intervention spielte eine Rolle. Programme, die über acht Wochen oder länger liefen, zeigten deutlich bessere Effekte als kürzere Maßnahmen.
Ebenso beeinflussten individuelle Faktoren die Trainingseffekte. Besonders stark profitierten jüngere Teilnehmer unter 45 Jahren und Personen mit höherem Behinderungsgrad (EDSS > 3,5). Dies ist bemerkenswert, da gerade letztere Gruppe oft als schwer trainierbar gilt. Möglicherweise reagiert dieses Kollektiv besonders gut auf Reize, weil Alltagsaktivitäten bereits stark eingeschränkt sind und der Trainingsreiz vergleichsweise größer wirkt. Zudem fördern körperliche Aktivitäten nachweislich die Expression von Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF), einem Marker für Neuroplastizität – ein möglicher biologischer Mechanismus hinter der Verbesserung.
Was die Trainingsform betrifft, so zeigte Krafttraining den stärksten Effekt auf die BBS (WMD 6,07), gefolgt von aerobem Training (WMD 3,79) und multimodalen Programmen (WMD 3,91). Allerdings war auch hier die Heterogenität der Programme hoch. Wichtig bleibt daher, das Training individuell an Fähigkeiten, Vorlieben und Ressourcen anzupassen.
Die Analyse unterstreicht die Rolle von Bewegung als nicht-pharmakologische Säule der Multiple-Sklerose-Therapie und zeigt, dass Gleichgewichtsstörungen durch Training wirksam beeinflusst werden können. Angesichts der limitierten Wirksamkeit medikamentöser Ansätze zur Verbesserung der motorischen Funktionen ist dies eine wichtige Botschaft. Zukünftig könnte körperliches Training daher nicht nur ergänzender, sondern integraler Bestandteil jeder MS-Therapie sein. Voraussetzung ist allerdings, dass Sportangebote zielgerichtet und qualitätsgesichert in die Versorgung integriert werden – idealerweise in enger interprofessioneller Zusammenarbeit zwischen Neurologie, Physiotherapie, Sportmedizin und Trainingswissenschaft.
■ Hutterer C
Quellen:
Zhang Y, Li G, Su H, Liang Y, Lv Y, Yu L. Effects of exercise on balance function in people with multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. J Neurol. 2025; 272: 405-28. doi:10.1007/s00415-025-13129-6