Konservativ versorgte ACL-Ruptur: Wer wird später doch operiert?
Die Diskussion um die optimale Therapie nach Ruptur des vorderen Kreuzbands (ACL) ist weiterhin kontrovers. Während eine operative Rekonstruktion in vielen Ländern als Standard gilt, zeigen aktuelle Daten aus dem Norwegischen Kreuzbandregister, dass ein erheblicher Anteil der Betroffenen mit einem konservativen Vorgehen erfolgreich zurechtkommt. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis nahm das Studienteam die Langzeiterfahrungen initial nicht operierter Patienten in den Fokus. Primärer Endpunkt war die Identifizierung von Personenmerkmalen, die zwei Jahre nach der zunächst konservativ versorgten Verletzung doch noch zur Operation führten (1).
Für ihre Studie werteten die Forscher die Daten von insgesamt 485 Patienten mit ACL-Ruptur aus (Alter median 35 Jahre). 93 der Probanden waren vor der Verletzung sportlich aktiv, ein Drittel davon in sog. Pivot-Sportarten, die mit einem hohen Level an schnellen Richtungswechseln und Drehbewegungen einhergehen. Bei 40 Prozent lag eine isolierte ACL-Ruptur vor, bei 60 Prozent waren im MRT zusätzlich Meniskusläsionen nachweisbar.
63 Prozent der Patienten waren am Ende der Nachbeobachtungszeit von median zwei Jahren nach wie vor unoperiert und mit jeweils rund 60 bis 70 von 100 Punkten laut KOOS (Knee Injury and Osteoarthritis Outcome Score) in den Subskalen Sport/Freizeit und Lebensqualität weitgehend zufrieden. Der Rest hatte sich während dieser Zeit doch noch für eine operative Rekonstruktion entschieden, erreichte jedoch mit ähnlichen KOOS-Werten keine signifikant besseren Ergebnisse. Von den 178 doch noch Operierten ließ ein Großteil eine parallel vorliegende Meniskusverletzung gleich mit versorgen (56 Prozent per Meniskusnaht, 18 Prozent per Teilresektion).
Nach ihren Beweggründen für die spätere Operation befragt, gaben 85 Prozent der Patienten eine spürbare Instabilität im Kniegelenk und 11 Prozent Einschränkungen durch Meniskusprobleme an. Die meisten von ihnen waren jünger als 25 Jahre (95%-KI: 1,95; 1,2 bis 3,2), übten Pivot-Sportarten aus (95%-KI: 1,54; 1,1 bis 2,2) und/oder litten unter begleitenden Meniskuspathologien (95%-KI: 1,63; 1,2 bis 2,2).
Fazit: Die Auswahl geeigneter Kandidaten für eine konservative ACL-Behandlung erfordert eine sorgfältige Abwägung von Patientenmerkmalen und Verletzungsdetails. Eine nichtoperative Behandlung kann laut der vorliegenden Studie eine sinnvolle Therapieoption sein, und zwar insbesondere für ältere oder weniger aktive Personen sowie Patienten ohne relevante Instabilitätssymptomatik. Die Möglichkeit einer verzögerten Rekonstruktion kann in Erwägung gezogen werden, sollte eine Instabilität persistieren oder die sportliche Zielsetzung dies erforderlich machen.
■ Kura L
Ähnliche Beiträge zum Thema finden Sie weiter unten!
Quellen:
Kooy CEVW, Jakobsen RB, Fenstad AM, Persson A, Engebretsen L, et al. Non-operative treatment of anterior cruciate ligament injuries: two-thirds avoid surgery at 2-year follow-up in a nationwide cohort. Br J Sports Med. 2025: bjsports-2025-109890. doi:10.1136/bjsports-2025-109890